Middelkerke

Das Fieber hält mich in einer 38,5 Grad warmen Umklammerung. Wohlige Wärme stelle ich mir anders vor, ich fröstle nämlich. Aus der Fadesse der Untätigkeit bringt mich ein Live-Stream vom Cyclocross-Superprestige-Rennen in Middelkerke. Eine Stunde, bei der ich dem schrecklichen Sven im Weltmeistertrikot (Sven Nys, der Hermann Maier des Cyclocross, ist vor kurzem zum 2. Mal Weltmeister geworden) auf die Beine sehen kann. Cyclocross ist übrigens DER Wintersport in Belgien. Bei jedem Rennen stehen viele Tausend „Supporters“ am Rand eines ca. 2,5 km langen Rundkurses im Gelände, Stiegenaufgänge, Passagen, die nur zu Fuß absolviert werden könnnen, bilden das Salz in dieser Sportsuppe. Ich vergleiche die Bedeutung von Cyclocross mit der von Alpin-Skifahren: Für eine Hand voll Länder ist der Sport interessant, für den Rest der Welt nicht. Wer kennt in Österreich Sven Nys?

Der nachmittägliche Spaziergang musste krankheitsbedingt stark verkürzt werden, die Startzeit im gelobten Cyclocross-Land ist eine Stunde später, als vermutet, deshalb bin ich zu früh dran. Facebook gestartet und mit einem Facebook-Freund über ein Kunstprojekt gelästert. Mein Abschluss-Satz, mit Link zum Live-Stream versehen, lautet: „Was die da machen, das ist Kunst.“ Die Antwort, „man könne Sport nicht mit Kunst vergleichen, denn beim Sport wird immer was geleistet“, lese ich erst nach dem Live-Stream.

Der „Schreckliche“ (andere nennen ihn den Kannibalen aus Baal, in Anlehnung an den größten Radfahr-Kannibalen aus Belgien, Eddy Merckx) ist aber heute nicht zu 100 % da. Er fährt geschmeidig, eine Augenweide, die Beine aus der Hüfte, tolle Technik,… ich bin ein Radsport-Weidetier und grase weiter auf der Augenweide. Genug bekommen ist angesichts der persönlichen Unerreichbarkeit dieser Fähigkeiten jedoch schwer. Auch, was die anderen in den technisch schwierigen Passagen machen, ist ebenso wie Nys‘ Darbietung, für mich Kunst. Geschmeidige Überwindungen von noch so steilen Passagen, das Überlaufen der Doppelhürden, als wären sie nicht da, das forsche Durchdringen der tiefen, sandigen Passagen scheinbar ohne Extraanstrengungen, das flüssige Auf- und Absteigen vom Cross-Rad… Es gab schon weit schwierigere, nahezu epische Verhältnisse bei Cyclocross-Rennen, als heute, trotzdem ist es beindruckend. Schwieriges sieht so leicht aus, auch die Gesichter der Fahrer um den Weltmeister deuten nicht wirklich die Qual an, die in den Körpern das Kommando übernommen hat. Mit einer Ausnahme: Tom Meussen, ebenso ein Belgier, sieht abgekämpft aus. Eine Vierer-Spitze mit dem Kannibalen von Baal, dem kleinen Prinz (Niels Albert), Klaas Vantournhout (der hat zwar keinen epischen Spitznamen ist aber seit kurzem belgischer Meister im Veldrijden, so nennen die Flamen Cyclocross) und dem optisch kaputt aussehenden Tom Meussen ist vorne weg. Nys hat alles im Griff, immer locker in der 4er-Gruppe dabei, seine Kunst zeigend. Der Vergleich macht sicher, Nys ist wirklich ein Künstler, auch die anderen sind Künstler, aber Nys schwebt über ihnen.

Doch 2 oder 3 Runden vor Schluss verabschiedet sich der belgische Meister nach vorne und hat bald einen komfortablen. Und plötzlich. Am Rande des Kamerabildes steht Nys ganz plötzlich still. Der flämische Kommentar zum Bild sagt mir aufgrund sprachlicher Unkenntnis nichts. Aber es ist etwas passiert. Etwas Unglaubliches. Nys wird sogar nur 5., auf der Zielgerade überholt ihn noch ein Fahrer, Nys sprintet nicht einmal. Hat er sich verletzt? Moralisch geknickt kann ein Nys nicht sein. Es ist aber egal. Middelkerke im Feber 2013 sieht, genau so wie viele Fans vor dem TV und am Live-Stream keinen übermächtigen Cyclocross-Weltmeister, keinen schrecklichen Sven, keinen Kannibalen von Ball. Trotz Problemen, trotz offensichtlich nicht perfekter Tagesform hat Nys mit Würde, Erhabenheit und Stil den 5. Platz geholt. So ästhetisch zu verlieren, das muss Kunst sein, bin ich mir sicher. Erst einen Tag später erfahre ich zumindest einen Aspekt der samstäglichen Erhabenheit in Middelkerke, der etwas Profanität in die Aura des Champions bringt: Sven Nys hat mit diesem 5. Rang den Gesamtsieg in der Superprestige-Serie geholt. Trotzdem. Es muss Kunst sein.

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