Hobbettenkontrolle

danke, ida, für das foto (jahr 2011)

danke, ida, für das foto (jahr 2011)

Ich habe wieder die Zeitschrift „Tour“ in der Hand, das korrekteste, ethischste und gerechteste Radsportmagazin im deutschsprachigen Raum, wohl auch der ganzen rennradfahrenden Welt. „Tour“, das sind die, bei denen bei den Rennradreifentests stets ein Continental-Reifen gewinnt und im Kleingedruckten steht, dass die Tests auf einem Prüfstand der Firma Continental durchgeführt werden. In der „Tour“ besteht das Füllwerk zwischen dem Titelblatt und dem Deckblatt hinten zu 2 Drittel aus Werbung. „Tour“, das sind auch die, die ständig die Doping-Moralkeule schwingen.

Nun schlagen sie damit wieder ordentlich aus. Dopingkontrollen im Hobbysport. „Reine Willenssache“, meint die Schlagzeile. „Tour“ schreibt’s nicht direkt, aber es scheint klar: Laut ihnen sollen die Veranstalter der Rennen „wollen“, d.h. Dopingkontrollen bei Jedermann-Veranstaltungen.

Ernsthaft? Dopingkontrollen bei einem Radmarathon, bei einem Hobbetten-Rennen, beim Hobby-Kriterium, beim Hobby-Triathlon, beim Jedermann-Querfeldeinrennen,… Abgesehen davon, dass es das manchmal schon gibt (z.B. bei den österreichischen Meisterschaften im Radmarathon), ist das ein Witz. Allerdings kein lustiger.

Für mich hieße das, dass ich mir in Zukunft sämtliche Medikamente, die mir der Medizinmann meines Vertrauens verschreibt, auf Dopinglistenverträglichkeit zu prüfen habe. Ich, der Hochleistungssportler, der beim Radmarathon über Platz 200 froh ist?! Könnt Ihr Euch vorstellen, dass ich als passionierter Hobby-Radsport-Wahnsinniger so einen Erlenmeyer-Kolben oder Joghurt-Becher vollpinkle und mir dabei von einem Dopingkontrolleur auf den Pimmel sehen lasse? Vielleicht wollen sie sogar Blutkontrollen machen. Ein ohne fließendes Blut wegen akutem Asphaltausschlag absolvierter Radmarathon ist keine Selbstverständlichkeit. Und dann noch Kontroll-Vampire mit ordentlichem Blutfluss? Das geht mir eindeutig zu weit. Ist nicht meine persönliche Unversehrtheit eine Art Menschenrecht? Wohl muss man sich durch eine Unterschrift unter den Teilnahmebedingungen entmündigen, aber trotzdem ist es entwürdigend.

Es geht den Ausheckern dieser Idee wohl um die unmittelbare Fairness, nur ja keinen Betrug gegenüber Platz 201. In solchen Bereichen zählt ohnehin Charakter – mal ehrlich, in diesen Bereichen bescheißen? Noch dazu mit gefährlichen Medikamenten? Mit teuren Medikamenten, wenn man das Geld stattdessen in optische Posing-Vorteile durch ein cooles Tuningteil investieren kann?

Natürlich gibt’s genug Medikamentenmissbrauch im Hobbysport. Die meisten Standardmedikamente stehen gar nicht auf irgendwelchen Listen (wer sagt übrigens, was da auf den diversen Listen drauf steht und was nicht). Da durfte ich schon viel erleben. Früher, als ich noch Fußball gespielt habe, aktuell in der Radsport- und Triathlon-Szene. Hand auf’s Herz! Schon mal sicherheitshalber ein Aspro am Vorabend genommen, damit man auch wirklich nicht krank wird beim Event? Oder direkt vor dem Rennen, dem Spiel, damit man weniger Schmerzen im Wettkampf hat? Ich gebe zu, ich habe schon viele Positionen in Rennen gut gemacht, weil Mitstreiter die negative Wirkung von Schmerzmitteln auf das Verdauungssystem ignoriert haben. Wenn ich sicherheitshalber ein Schmerzmittel für den Wettkampf nehmen muss, weil es mir nicht gut geht, sollte ich mir eher grundsätzlich überlegen, ob ich genau bei diesem Event teilnehmen sollte, oder ob ich mich nicht vielleicht schone. Abgesehen von den Medikamenten: Ich sehe vor Wettbewerben stets Unmengen an koffeinhaltigen Energy-Drinks sportliche Kehlen runterlaufen… Zu viel Koffein kann auch gefährlich sein und dass solche Getränke wegen des Geschmacks getrunken werden (die Kohlensäure stört übrigens bei körperlichen Aktivitäten eher…), halte ich für ein Märchen. Was ist nun die Motivation, solche Safterln zu sich zu nehmen? Aha, ja eh.

Will man eventuell eine utopische Chancengleichheit generieren? Das wäre genau so ein Witz wie die hier betrachtete Idee, Hobbetten zu kontrollieren. Man hat halt keine Chancengleichheit. Die Welt ist unfair. Z.B.: Können andere mehr trainieren, bzw. kann ich manchmal mehr trainieren und somit schneller fahren. Auch sind nicht alle gleichzeitig verliebt. Wenn ich verliebt bin, fahre ich aufgrund des hormonellen Hochgefühls schneller, habe einen euphorischen Wettbewerbsvorteil – Frauen auf die Dopingliste!

Will man verhindern, dass sich Menschen durch das Eingehen eines erheblichen Gesundheitsrisikos durch die Einnahme von medikamentösen Supplementen einen Vorteil verschaffen? Wenn das die Intention ist, dann bitte zuerst am Arbeitsplatz kontrollieren, wo man sich durch Vernachlässigung des Privatlebens, Überanstrengung und übermäßigem Stress sich Vorteile beim Erklettern der Karriereleiter verschaffen kann. So nebenbei: Im Arbeitsleben wird übrigens auch ordentlich supplementiert und damit meine ich nicht die übliche kaffeebedingte Koffein-Überdosierung.

Ich komme bei diesem absurden Thema vom Hundertsten ins Tausendste und breche ab. Sonst rege ich mich auf, das ist auch ungesund, Wut kann im Wettkampf leistungsfördernd wirken und wäre unfair. Sollen sie ruhig Spitzensportler kontrollieren. Ich weiß nur, dass ich höchstwahrscheinlich eine Hobby-Doping-Kontrolle verweigern würde. Darauf scheiße ich. Vielleicht sogar in den Becher, wenn ich gut drauf bin.

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2 Kommentare
  1. Katja sagte:

    Super Beitrag! War auf jeden Fall eine gute Idee, eine Blogger-Karriere zu starten 🙂

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