Ulle und ich

Ulle und Ich 2005

Was wurde nicht diskutiert um Jan Ullrich’s körperlichen Zustand im Winter. Zu viele Griffe in die „Plätzchendose“, zu viel Wein, zu wenig Training im Winter… Und doch war der dicke Blonde im Sommer, speziell in der dritten Woche der Tour in Form, so in Form, dass Armstrong seine gesamte Taktik auf den deutschen Radsporthelden abgestimmt hat, da er ihn als einzig gefährlichen Gegner identifizierte („Jan is very special“) und dann gekonnt im Rennen ausschaltete. Aber der Winter… Peter Winnen meinte, dass Ullrich erst im ersten Nach-Tour-de-France-Kriterium in Boxmeer in Form gekommen ist… Oder zum Grazer Altstadtkriterium, wie am Foto. Rudi Altig meinte, dass „der Ami keine Chance hätte“ wenn Jan so viel wie dieser trainieren würde.

Ja, damals war Ullrich noch ein Radsportheld, bevor er von den deutsch-korrekten und mit zweierlei Maß messenden Medien in unserem nördlichen Nachbarland geteert und gefedert wurde. Ich bewundere Ullrich aber trotzdem für sein unglaubliches Talent und die Weigerung, Doping zuzugeben. Die nach der Aussage „ja, ich habe gedopt“ lechzenden Medienhyänen wurden enttäuscht, weil Ullrich partout nicht die in seinen Mund gelegten Worte aussprechen wollte. Besonders in der Show von Reinhold Beckmann, die Harald Schmidt als „Sternstunde des investigativen Journalismus“ bezeichnet hatte, bleibt mir der genervte, aufgrund des ausbleibenden Geständnisses unbefriedigte Showmaster in Erinnerung, wenngleich auch Ullrich nicht allzu souverän war. Dies machte Ullrich nicht gerade beliebt, er war in der öffentlichen Meinung ab sofort immer nur Zweiter, wie gegen Lance. Aber trotzdem, gerade deshalb ist er mir sympathisch, seine Weigerung zu reden, hat für mich auch eine gewisse Vorbildwirkung: NICHT vor den Journalisten oder Irgendwem auf die Knie fallen, das gefällt mir, sich nicht der Masse beugen, Widerstand zeigen, so wie gegen Lance – auch wenn man verlieren kann, oder sogar verliert.

Ich hoffe allerdings, nie in eine nur ansatzweise ähnliche Situation, wie Ullrich in Bezug auf Doping, zu kommen. Eines haben der Toursieger von 1997 und ich jedoch gemeinsam: Den Winterspeck. Und wenn Rudi Altig in Bezug auf Trainingsfleiß recht hat – dann haben wir auch mangelhaftes Training, wenn’s auch bei mir auf viel viel tieferem Niveau geschieht, gemeinsam. Jedenfalls bin ich diesen Winter so fett wie noch nie geworden. Mangelnde Disziplin in allen Bereichen brachte mich auf rekordverdächtige 74 kg. Es fällt mir sogar schwer, diese Zahl in mein Trainingstagebuch einzutragen, es schmerzt, so viel hatte ich noch nie. Ich hatte auch noch nie so viel Schokolade und Süßes genascht, noch nie so wenig Bewegung gemacht und so viel in den kalten Wintermonaten gearbeitet. Dazu kamen noch zwei Krankheiten, bei denen ich fast eine Woche gefiebert hatte. Der innere Schweinehund war diesen Winter einfach stärker, das Belohnungszentrum verlangte ob des Arbeitsumfanges und des Gesundheitszustandes nach Süßem, ich war zu schwach. Meine Ernährungsgewohnheiten abseits des Naschens wären auch zu hinterfragen. Ob ich 2013 zur dritten Tourwoche, so wie Ullrich in seiner damaligen Jahresplanung, in Form sein werde, ist mehr als fraglich. Mit 74 kg komme ich keinen Berg in würdevoller Art und Weise rauf. Für radikale Diäten war ich nie, ich hoffe auf sanftere Alternativen. Welche es wird, weiß ich noch nicht. „Gscheit Trainieren“ wäre aber eine Option.

Im TV läuft die Doku „Am Anfang war das Licht“, in der es um Menschen geht, die sich nicht von Nahrung, wie wir sie alle kennen, ernähren, sondern von Licht. Und sonst nichts. Schräg, sehr schräg. Vielleicht können das aber wirklich eine Hand voll Menschen. Ein reizvoller Gedanke für einen Radfahrer. Nie mehr klebriges Energiegel, kein gefährliches Öffnen des Powerbar-Riegels während der Fahrt, weil Stehenbleiben dem Radler-Ethos widerspricht, keine Hungeräste, keine Fressorgien nach der Trainingsausfahrt, kein panisches Stürmen eines Tankstellen-Shops auf der Suche nach Zucker… Für einen Radsportler hätten solche photosynthetische Essgewohnheiten ungemeine Vorteile. Oder auch nicht. Radsportler sind im Sommer viel und lange draußen. Würden sie dann erst recht fett werden? Ulle ist’s wohl egal, ich überlege, ob „Lichternährung“ nicht als Ausrede für meine Gewichtsprobleme herhalten kann.

Ulle in Graz 2004

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