Drunt in der Lobau – etwas anders und grau

hinten gaaaanz klein: lohengrins schwan

hinten gaaaanz klein: lohengrins schwan

„Drunt in der Lobau“, dort können so einige romantische Dinge passieren, lässt uns das bekannte Wienerlied denken. Wird wohl schon seine Richtigkeit haben, denn auch ich habe ein Date mit einer Schönheit von einem Querfeldein-Rad in der Au.

Es riecht irgendwie schon nach Frühling draußen, die Luft ist schon ganz anders, als noch vor einer Woche, als die erste warme Woche im Jahr 2013 anbrach. Der Frühling ist auch schon in meinem Kopf fest und sehnsüchtig verankert, die vom Wetterbericht angesagte Rückkehr des Winters ist mir zumindest heute egal. Ja, drunt in der Lobau… Ich bin überrascht, dass mir erste Schmetterlinge begegnen, die ersten Frühlingsboten, die gemeinsam mit unglaublich vielen Schneeglöckchen den Winter freundlich zum Abschied ermahnen. Viele Menschen sind in der Lobau, sportlich und weniger sportlich, mit Hund oder ohne, alleine oder in Gesellschaft. Kinder spielen mit Schaufeln und Kübeln, ich höre ihre enthusiastischen Stimmen, während sie begeistert immer tiefere Löcher graben, von etwas weiter weg höre ich undeutlich die Gespräche von Spaziergängern. Es ist aber trotzdem eine ruhige Stimmung, die ich in dieser Trinkpause (ja, mein Crosser hat keine Flaschenhalter, denn das sieht auf einem Crosser nicht gut aus und stört beim Schultern des Rades) aufnehme. Unten, am Wasser breitet ein schöner, majestätischer weißer Schwan, der gut und gerne auch jener sein könnte, der Lohengrins Barke zieht, seine Flügel aus.

Zur Idylle gesellt sich das Hochgefühl beim Fahren durch die wunderschönen Waldwege des Auwaldes. Da die Wege teilweise auch recht ruppig zu fahren sind, ist auch Konzentration wichtig. Hie und da hat sich ein Wurzelstrang den Weg aus dem Waldboden gebahnt, öfters steht ein großer Stein aus dem Boden. Auf beide Hindernisse sollte man nicht drauffahren – außer es ist einem egal, wenn die Laufräder bald einen Schlag haben („Achter“) oder man findet Gefallen am Schlauchwechsel in der Natur nach einem „Snakebite“ (die charakteristischen 2 Löcher im Schlauch, nachdem man mit etwas höherer Geschwindigkeit auf ein vorher beschriebenes Hindernis gekracht ist). Das Rasseln der Kette beim Pedalieren, das Abrollgeräusch der Reifen auf den unterschiedlichen Untergründen kombiniert mit der Konzentration und der Anstrengung öffnet den meditativen Tunnel, den ich beim Radsport so gerne durchfahre. Dieser Tunnel tut mir sehr sehr gut!

Übergang der Franzosen. Die Idylle bricht auseinander, etwas Graues legt sich leise und kaum merkbar über meine Fahrt. Als ich von einem der größeren Wege in einen kleineren einbiege, stehe ich plötzlich an einem Gedenkstein, auf dem die Inschrift „Übergangsstelle der französischen Armee 1809“ prangt. Die Tafel daneben erklärt mir, dass diese Stelle vor vielen Jahren in der Nacht vom 4. auf den 5. Juli 1809 enorme strategische Bedeutung hatte. Ich bin schon öfters an dieser Stelle vorbeigefahren, auch bei anderen Gedenksteinen zum Jahr 1809 und seinen Ereignissen hier, doch heute ist’s irgendwie anders. Warum und was genau heute anders ist, weiß ich nicht. Es waren auch schon manchmal graue Gedanken an diese Dinge, aber die waren anders grau und dauerten nur Sekunden. Jedenfalls beginne ich, in meinem Geschichtswissen zu kramen. Mir waren dieser und andere Gedenksteine schon öfters aufgefallen und daher hatte ich mich auch ein wenig in das Thema eingelesen.

1809, die Lobau war damals eine Insel in der Donau, Wien war an die Franzosen unter Napoleon gefallen. Die Grande Armee war bis zu jenen Tagen im Mai 1809 noch nie in der Feldschlacht besiegt worden. 60000 französische und 75000 österreichische Soldaten unter Erzherzog Karl standen sich am 21. Und 22. Mai 1809 gegenüber, Napoleons Streitkräfte wurden das erste Mal geschlagen, 30000 Franzosen und 24000 Österreicher blieben auf ewig auf den Schlachtfeldern in den Auen bei Aspern und Essling. Ein paar Wochen später folgte etwas weiter nördlich die Schlacht bei Wagram, bei der sich ca. 350000 Soldaten mit Schießpulver, Bajonett und Säbel bekämpften und über 70000 Menschen die Heimat nicht mehr sahen. Napoleon besiegelte die Niederlage Österreichs, der vorher beschriebene Übergang der Franzosen war einer der entscheidenden Faktoren für Napoleons Sieg. Beide Schlachten brachten aber die Wende: Napoleon hatte den Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren, seine Gegner erlangten neues Selbstvertrauen und seine Armee verlor aufgrund der immensen Verluste an Qualität. Das erste Ende Napoleons in der Völkerschlacht bei Leipzig vier Jahre später begann sich abzuzeichnen.

Wo viele Menschen in positiver Art und Weise die Natur genießen und ich meine wunderbare Tunnelfahrt genieße ist geschichtsträchtiger Boden. Klammert man den gesamten Pathos um gewonnene Schlachten, den ich nicht mag, aus, ist es blutgetränkte Erde, auf der ich mich hier, gemeinsam mit vielen anderen Menschen bewege. Aus grau wird für kurze Zeit blutrot. Ich beschließe, das Pulverlager der Franzosen und den Friedhof der Franzosen, die laut Hinweistafel in der Nähe liegen, ebenfalls in meine Route einzubauen. Nach einmaligem Verfahren stehe ich plötzlich vor dem nächsten Gedenkstein: „Friedhof der Franzosen 1809“. Die Tafel neben dem Stein erzählt mir, dass dies ein ganz besonderer Ort ist: Ich stehe auf Boden, unter dem auf engstem Raum 3000 Tote liegen. Ein beklemmendes Gefühl, einem derartigen Kriegsgrab war ich noch nie so nahe. Die Zahl 3000 erschreckt mich auch ein wenig, die gesamte Zahl von über 50000 Toten dieser Schlacht kann ich momentan nicht wirklich begreifen. So viele Menschen liegen hier begraben, zu früh gestorben, mit einem unscheinbaren Gedenkstein und einer kleinen Tafel im Dickicht als Epitaph. Familien zu Hause, die ewig gewartet haben. Auch hier wachsen viele Schneeglöckchen – Blumen auf dem Grab, so wie es sein soll. Das Piepsen der Pulsuhr erinnert mich, weiterzufahren und diesen sonderbaren Ort mit einer gewissen einschnürenden Wirkung auf mich zu verlassen. Das „Pulvermagazin der Franzosen 1809“ nehme ich, in Gedanken an das Massengrab, gar nicht richtig wahr. Ich sehe auch ein Kreuz, wofür es steht, kann ich nicht sagen, aber es ist hier ein guter Standort für ein Kreuz.

Je weiter ich mich von hier entferne, desto schneller verdecken andere, positive Gedanken wie eine Schneeschicht die Erinnerungen an meinen Ausflug in die Geschichte. Der Grauschleier ist ebenfalls weg. Ich frage mich, ob es Zufall ist, dass ich heute mit dem Denken so weit in die Vergangenheit gereist bin. Es liegt wohl am Ort, an den Denkmälern, daher nein. „Denk mal!“ sagen sie und ich habe es getan. Ich frage mich, ob die blutige Vergangenheit dieses Ortes auch spürbar wäre, wenn keine Denkmäler herumstehen würden. Ich denke ja, so was bleibt wohl an Orten hängen.

übergang der franzosen 1809

übergang der franzosen 1809

übergang der franzosen - tafel schneibergkreuz

friedhof der franzosen 1809

friedhof der franzosen 1809

tafel massengrab pulvermagazin der franzosen 1809 tafel pulvermagazin der franzosen 1809

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3 Kommentare
  1. Ja in unser nächten Umgebung gibts viele Spuren die wir meistens gar nicht war nehmen.
    Bin letzten Sonntag Querfeldein in der Praterau spaziert und habe mich über die vielen kreisrunden „Tümpel“ gewundert, bis mir dann klarwurde das das Bombenkrater aus dem 2.Weltkrieg sind…
    Lg Peter

    • echt? ich bin ja zu rad mit dem querfeldein-radl schon genug im prater herumgegurkt… habe ich noch nie gesehen. wo sind denn die? müssten unterhalb vom lusthaus sein, in richtung hafen freudenau, lusthauswasser, mauthnerwasser, oder?

      • Nein noch vorn Lusthaus, sind gar nicht weit von der Hauptalle ist aber alles recht verwachsen und ich glaub wenn das Unterholz wieder Blätter hat erkennt mans vielleicht gar nicht…

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