Mailand – San Remo: Währenddessen und nachher

Von wegen „La Primavera“. Es ist kalt, feucht, unwirtlich, aber episch, der Radsportfan sieht der Quälerei aus dem warmen Wohnzimmer zu. Zu Beginn hat es geschneit, der Turchino-Pass musste aufgrund des Schneefalls und der Schneefahrbahn gestrichen werden, die Fahrer werden mit dem Bus rund um den Berg gebracht, sie starten nochmals, das Rennen verkürzt sich von 298 km auf 202 km – bei diesem nass-kalten Wetter immer noch hart genug, um dem Ruf des Rennens gerecht zu werden und die verkürzte Distanz wett zu machen. Durchnässte, unterkühlte Profis sind in den Bildern des Livestreams zu sehen, gezeichnet von den heutigen winterlichen Bedingungen. Wenngleich sie auch in Regenjacke, langen Handschuhen, sowie „Lang-Lang“ (lange Ärmel, lange Hosenbeine) unterwegs sind, dürfte ihnen alles andere als warm sein. Irgendwie leide ich ein wenig mit, kenne ich doch  tiefe Temperaturen mit nassen Verhältnisse von den winterlichen Cyclocross-Rennen. Frühling sieht anders aus. Ich freue mich auf die letzten Kilometer des Rennens als bewundernder Beobachter aus meiner horizontalen Position auf der Couch heraus.

In den Gesichtern der Fahrer zeigt sich definitiv nochmals der Winter. Immer wieder sieht man einen Fahrer in den Betreuerautos oder dem Besenwagen verschwinden, für sie ist das Rennen vorbei. Auch für meinen Tipp für den 2. Platz hat genug von Nässe und Kälte: Matthew Goss. Der Mitfavorit Tom Boonen ist, soweit ich dem flämischen Kommentar des Live-Streams folgen kann,  so wie viele andere ausgestiegen. Es gibt auch unzählige Defekte. Damit man die Worte „Gemetzel“ oder „Schlacht“ nicht unpassenderweise verwenden muss, gibt es das Wort „episch“.  Es ist nur Sport, „Gemetzel“ oder „Schlacht“ bezieht sich auf Schwerwiegenderes… 60 km vor dem Ziel ist eine Ausreißergruppe mit 5 gezeichneten Fahrern ca. 4 min vor dem dezimierten Hauptfeld „draußen“. Hinten im Hauptfeld kontrollieren die Mannschaften von Cannondale (für Peter Sagan), Astana (für Vicenzo Nibali) und Sky (für wen eigentlich?) das Geschehen, der Abstand verringert sich aufgrund der Verfolgungsarbeit – das Feld hat die Ausreißer unter Kontrolle.

Wie fühlen sich die Kapitäne z.B. Top-Favorit Sagan und Nibali gerade? Wie ist das Gefühl, die Mannschaft das ganze lange Rennen zum Arbeiten im Wind zu schicken, damit man selbst überhaupt um den Sieg mitfahren kann? Wie fühlt sich solcher Druck an, d.h. gewinnen zu müssen, damit sich die harte Arbeit der Teamkollegen gelohnt hat? Mannschaftssport in spezieller, für viele ungewohnter, aber vollendeter Form, die „Gregarios“, die „Wasserträger“, die „Knechte“, die „Helfer“ opfern sich selbstlos für ihren Chef auf. Ich finde, die oft verwendeten Vergleiche von „Job“ zu Sport sollten nicht nur zu Fußballmannschaften gemacht werden…

Die Cipressa und der Poggio, die zwei Anstiege vor dem Ziel werden wie immer spannend. Vor allem die nassen Abfahrten von den beiden Hügeln werden gefährlich. Schon jetzt in der Anfahrt zur Cipressa, kommt es bei den Positionskämpfen zum ersten Sturz auf der glitschigen Straße. Nun geht das Rennen, heute nach  175 km richtig los, zahlreiche Ausreißversuche, Nachführarbeit… es kommen Gruppen weg, werden wieder eingeholt, taktische Spielchen auf höchstem Niveau finden statt… Am Schluss bleiben 6 Mann übrig, Top-Favorit Sagan  ist dabei. Der von Erik Zabel als Geheimfavorit genannte Gerald Ciolek aus Deutschland ebenfalls. Das taktische Geplänkel geht weiter, trotzdem ist die 6er-Gruppe schnell genug, um durchzukommen – es kommt zum Sprint, aus dem Gerald Ciolek als Überraschungssieger hervorgeht. Berhard Eisel  wird starker 10., obwohl er viel für seine Mannschaft gearbeitet hat.

Top-Favorit Sagan hat nicht gewonnen, auch viele andere mit großen Ambitionen haben nicht gewonnen, obwohl deren Mannschaften, meist ohne Kompromisse, hart für sie geschuftet haben. Ich frage mich noch immer, wie dieses Gefühl für die Kapitäne ist, nunmehr nach dem Rennen. Verlieren oder nicht gewinnen ist als Einzelsportler sicher leichter zu ertragen, als wenn man die Vorarbeit des Teams nicht nutzen kann. Die Kapitäne der Teams und deren sportliche Leiter haben die Mannschaft umsonst geopfert und werden wohl an die Verantwortung denken oder denken müssen. Ciolek hat mit viel weniger Mannschaftsunterstützung und viel Glück, aber mit viel Klasse den Sieg eingefahren. Diese Verantwortung und Cioleks Sieg machen es für mich klar, man sollte in der „Management-Lehre“, in der Personalführung oder wie auch immer man’s nennen kann, wirklich öfters zum Radsport vergleichen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

CyclingClaude

Cycling Claude - der Blog für Kettenhelden

Rennradblog Geradeaus

Rennradfahren, Essen und Spaß am Leben.

emme-eppe

die Magie der kleinen Dinge

Takeshi fährt Rad

Frau, Stahl, Asphalt, Kilometer.

Wiener Bahn-o-rama

#gofastturnleft

Drei Engel für Ötzi

Rennrad-Transalp und mehr mit Marina, Anne und Dani

Die Rennschnecke

Lauf- und Triathlon-Blog

Eiswuerfel Im Schuh

DAS Triathlon & Fitness Blog - ein Blog von einer Triathletin und einem begeisterten Sportfotografen mit Wettkampfbeschreibungen, Trainingsgeschichten, Veranstaltungsbeiträgen, Fotostrecken für Sportunternehmen, Reiseberichte, Tech-Talks, Rezepte,…

diegneistdotcom.wordpress.com/

Personal- und Organisationsentwicklung

Triathlove

Drei Sportarten, zwei Wechsel, eine Liebe.

Auf dem Weg zum Ironman

Training, Strecken, Material, Tipps und alles was man noch so beim Trithlon erleben kann.

mweihrauch.de

Lauf- & Triathlonblog: Hier raucht's richtig

die rote laterne

am ende des hobby-pelotons

Triathlon statt Rollstuhl

Wie sich eine junge Frau trotz Multipler Sklerose nicht unterkriegen lässt und ihren Traum vom Triathlon erfüllt

%d Bloggern gefällt das: