De Ronde van Vlaanderen – „Just one year ago, I was on the ground. Now I’m happy.”

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Das Fernsehen steigt 150 km vor dem Ziel mit der Live-Übertragung ein. Eine Gruppe mit 7 Fahrern ist „draußen“, ca. 3 min vor dem Hauptfeld. „De Ronde“, wie die Flamen abgekürzt und ehrfürchtig die Flandern-Rundfahrt nennen, ist das populärste Rennen in dieser radsportverrückten Region Belgiens. Vom wunderschönen Marktplatz in Brügge geht es ca. 150 km flach in Richtung Süden, wo ca. 100 km über zahlreiche „Hellingen“, auf denen teilweise Kopfsteinpflaster den ruppigen Untergrund anstatt des komfortablen Asphalts bildet, die Fahrer herausfordern. Die „Hellingen“, das sind kurze, giftige und schwere Rampen mit tw. über 20 % Steigung und eben dem Kopfsteinpflaster, über das die Profis ihre leichten und steifen Rennmaschinen prügeln.

Das Kopfsteinpflaster hat übrigens auf manchen Anstiegen nicht die gute Qualität, die wir in Wien gewohnt sind, sondern tw. sind es historische Straßen, die unter Denkmalschutz stehen (das Foto zeigt einen Abschnitt, den ich in der Lobau gefunden habe, der dem flandrischen Untergrund ebenbürtig sein dürfte – außer dem Pflaster am Koppenberg, das schlimmer ist). Auch sind die Passagen über diese flandrischen Hügel sehr sehr schmal, es kommt davor immer zu Positionskämpfen mit dem einen oder anderen Sturz. Wind gibt es übrigens auch noch, der bei den vielen Richtungswechseln aus unterschiedlichen Richtungen ins Fahrerfeld weht.

„De Ronde“ ist neben dem Rennen „Paris-Roubaix“, genannt „Die Hölle des Nordens“, einer der beiden wichtigsten Kopfsteinpflaster-Rennen im Frühjahr, neben diesen beiden „Monumenten“ gibt es aber zahlreiche weitere Rennen in Belgien, die viele Passagen über Kopfsteinpflaster aufweisen. Gemeinsam haben sie alle diese außergewöhnlichen Anforderung an Fahrer und ihr Material und die zahlreichen Ziegelsteinbauten  an der Strecke, die der Umgebung in meinem Auge eine gewisse Tristesse verleihen. Der schwarze Löwe auf gelbem Hintergrund auf unzähligen Flaggen lockert die Atmosphäre ein wenig auf.

Dieses Rennen scheint auch immer gut für die Inszenierung eines tragischen Heldentums zu sein. Tom Boonen, einer der Top-Favoriten für heute, 3maliger Sieger der Flandern-Rundfahrt, Belgiens Meister und flämischer Superstar ist gleich zu Beginn des Rennens gestürzt und musste in den Krankenwagen einsteigen (http://www.youtube.com/watch?v=vZIdpRXWW5s). Enttäuschung und Schmerz im Gesicht des flämischen Helden. Voriges Jahr erwischte es den haushohen Favoriten Fabian Cancellara mit Schlüsselbeinbruch – ausgerechnet in einer Verpflegungszone. YouTube zeigt uns in 3:12 min das Drama um den damaligen Schweizer Meister, der mit Schmerzen auf der Straße liegt: http://www.youtube.com/watch?v=I9TFvZiJT64 Monatelange Vorbereitung binnen weniger Sekundenbruchteile zu Nichte gemacht. Jedes Jahr sind prominente Fahrer Opfer der Flandernrundfahrt. Die Kommentatoren erwähnen auch Sebastian Langeveld, der 2012  mit einem Zuschauer kollidierte und schwer zu Sturz kam. Besonders unnötig. Im Video ist übrigens die beeindruckende Steuerkunst von Langevelds Hintermann zu bewundern, der selbst einen Sturz vermeidet und dem stürzenden Holländer gekonnt ausweicht. Hier das Video mit sehenswerter, fahrerischer Kunst verschmolzen mit einem Moment persönlicher, sportlicher Tragödie: http://www.youtube.com/watch?v=pGTqYSZS7F4.

Meine Gedanken sind mittlerweile wieder beim Rennen. Mittlerweile hat sich eine komplett anders zusammengesetzte Spitzengruppe um den Deutschen Sprinter André Greipel, gebildet. Die Rennsituation hat sich rasch geändert und wird sich bis zum Ziel in Oudenaarde noch oft und rasch ändern, bis der cleverste und stärkste Fahrer als erster die Ziellinie überqueren wird. Ich bin begeistert von den Bildern aus dem Hubschrauber, die das Fahrerfeld von oben zeigen, wie es, einem einzigen Organismus gleich, um enge Kurven schießt, bei diese Bildern ist es eigentlich verwunderlich, dass nicht mehr Stürze passieren, wenngleich auch immer wieder jemand auf der Straße liegt um sich dann doch wieder auf das Rad zu setzen und weiterzufahren – bewundernswert. Von den Stürzen ein wenig abgelenkt sehe ich gebannt den Fahrern zu, wie sie auf dem holprigen Kopfsteinpflasterbelag die „Hellingen“ emporschießen und vergesse, wie schmal der Grat zwischen schmerzhaften Stürzen und erfolgreicher Fahrt ist. Ich tauche als Zuseher komplett ins spannende Rennen ein, der Oude Kwaremont, wo das Rennen nochmals beginnt, gefolgt vom Paterberg drücken dem Rennen ihren Stempel auf, auch oder vor allem der Koppenberg wird erste Vorentscheidungen bringen.

Besonders interessant sind die Bilder vom hinteren Ende des Hauptfeldes, wo sich äußerst interessante Vorgänge abspielen. An der Rennmaschine des Österreichers Marco Haller(Bernhard Eisel und Daniel Schorn bilden mit ihm heute ein österreichisches Trio) wird bei Höllentempo während der Fahrt geschraubt, todesmutig hängt der Mechaniker aus dem Fenster des Betreuer-Autos, während er am Rad arbeitet. Die „Wasserträger“ stopfen sich ihre Trikots mit Trinkflaschen voll, die sie vom Betreuer aus dem Auto gereicht bekommen und bringen sie ihren Teamkollegen nach vorne, Defekte werden behoben, einzelne Fahrer entledigen sich während der Fahrt akrobatische von Teilen ihrer Kleidung (die meisten Hobbyfahrer würden bei solchen Aktionen stürzen).

Ca. 60 km vor dem Ziel geht es über besagten Koppenberg. Ein kleiner Hügel eigentlich, nur 78 m hoch. Vorher befindet sich das Fahrerfeld in nervösen Positionskämpfen, nicht ohne Grund. Das nur 600 m lange Stück Kopfsteinpflaster hat bis zu 22 % an Steigung aufzuweisen, eine Kombination die jährlich viele Fahrer zwingt, vom Rad abzusteigen und die letzten Meter zu Fuß zurückzulegen, weil  auf dem engen Straßenstück der Platz zu klein wird und es zu einem Stau kommt, wenn sich ein Fahrer versteuert. Am Koppenberg muss man vorne sein, wer am„Friedhof der Ambitionen“ (so wird dieser Abschnitt genannt) hinten ist, kommt wahrscheinlich nicht mehr an die Spitze heran. Gruppen bilden sich, das Feld zersplittert. Das Rennen ist nun nur noch 25 km lang und wogt hin und her, immer wieder bestimmen neue Fahrer, neue Gruppen die Spitze des Rennens… Die Teams der Top-Favoriten sind aber aufmerksam und kontrollieren gut. Schön langsam erkennt man die Anstrengung, die Marter über die „Hellingen“ und das Kopfsteinpflaster in den Gesichtern der Fahrer. 16 km vor dem Ziel attackiert Cancellara am Oude Kwaremont (dieser wird mehrmals befahren) und wird vom Co-Favoriten Sagan begleitet. Cancellara fliegt elegant und kraftvoll über das Pflaster, Sagan kontert mit purer Kraft, sieht aber nicht so aus, als ob er dem Schweizer ebenbürtig wäre. Nun schließen sie zum Führenden Jurgen Roelandts aus Belgien auf, dessen Mannschaft ihn mit perfekter Mannschaftsarbeit in diese Position gebracht hat. Der Paterberg trennt das Trio, Cancellara fährt seinen beiden Begleitern scheinbar spielend davon. Kraft und Ästhetik bilden eine Symbiose, während Cancellara nach der Kuppe alleine dem Ziel entgegen fliegt – die Kamera schwenkt auf den Tacho des Motorrades: 50 km/h.

Heute ist der Radsport wieder eine Metapher für das ganze Leben: Bonnen gewinnt im Vorjahr und muss heuer aufgrund eines Sturzes aufgeben. Cancellara ereilt dieses Schicksal im Vorjahr und er gewinnt heuer die „Ronde“. Langeveld wird heuer 10. Mal ist man oben, mal ist man unten. Er sagt im Interview: „Just one year ago, I was on the ground. Now I’m happy.”

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