Pflastersteine und ein kleiner Selbstversuch

Pavé(streifen) auf der Donauinsel

Pavé(streifen) auf der Donauinsel

7. April 2013, Paris-Roubaix, die „Königin der Klassiker“. 1896 zum ersten Mal ausgetragen, führt es über 250 km, davon ca. 53 km über Kopfsteinpflaster, die auf 27 Sektoren aufgeteilt sind, in den Norden Frankreichs. Teilweise geht es über historische Straßen, die unter Denkmalschutz stehen und sonst während des Jahres nicht befahren werden. Die Ziellinie befindet sich im berühmten Vélodrome von Roubaix.

Die „Trouée d’Arenberg“,  ist z.B. ein legendärer Pflasterstein- bzw. Pavé-Sektor, 2,4 km lang und mit unglaublich ruppigem Pflaster als Untergrund. Dort, wo sich Johan Museeuw 1998  die Kniescheibe gebrochen und fast sein Bein verloren hat (zwei Jahre später zeigte er auf sein ramponiertes Knie, als er als Sieger die Ziellinie im Vélodrome von Roubaix überquerte), wurden 2005 ca. 250.000 EUR in die Renovierung des Abschnittes gesteckt. Trotzdem nach wie vor eine Tortur für die Fahrer. An der „Carrefour de l’Arbre“ befindet sich  ein weiterer, schwieriger, weil äußerst holpriger Kopfsteinpflastersektor, das Restaurant an diesem Abschnitt der Strecke hat einen Tag im Jahr geöffnet – am Renntag.

Die Profis und ihre Mechaniker nehmen für das Rennen einige Adaptionen an ihren Rennmaschinen vor:  Breitere Reifen, weniger Reifendruck, komfortablere Rahmengeometrien (tlw. sogar Rahmen aus dem Cyclocross), mehrfach und/oder mit Gelunterlagen gewickeltes Lenkerband sind die gängigsten Anpassungen. Die Verwendung von Federgabeln und anderem technischen Schnickschnack ist tabu. Regelwerk hin oder her, es würde „nicht gut“ (für mich: bescheuert) aussehen.

Am Tag vor der „Hölle des Nordens“ (ein weiter Beiname der anachronistischen Tortur zwischen Paris und Roubaix) nahm ich meinen Crosser und fuhr bewusst ein paar Kopfsteinpflasterpassagen ab, ich wollte mich speziell für die Fernsehübertragung vorbereiten, ich wollte eine bewusstere Wahrnehmung von Fahrten über Pavé zu haben. Hie und da rattert man ja mit dem „normalen“ Straßenrennrad über Pflaster, ich persönlich bin dann immer wieder froh, das Pflaster zu verlassen und wieder auf sanfterem Straßenbelag rollen zu können. Diesmal war es anders: Ich suchte Kopfsteinpflaster, ich ging ihm nicht aus dem Weg. Natürlich ist es auf dem Pavé mit dem Crosser etwas komfortabler, als mit dem Straßenrennrad, das Fahrgefühl dürfte aber in Anbetracht der im Profi-Peloton üblichen Adaptionen an der Rennmaschine sehr ähnlich sein.

Ein wesentlicher Faktor für das Fahrgefühl ist jedoch die Geschwindigkeit: Die Profis fetzen mit mehr als 40 km/h über den holprigen Untergrund. Weil ich das nicht so drauf habe, absolvierte ich mein erstes Intervalltraining 2013, um annähernd in diese Geschwindigkeitsbereiche zu hineinzuschnuppern. Ich sehe das Kopfsteinpflaster und prügle mein Ridley-Crosswind und somit auch mich in ein kleines Martyrium. Abgesehen von der körperlichen Belastung, einen Intervall zu fahren (zusätzlich bin ich aktuell sehr „unförmig“), rattert es ungemein – es  scheppert, nicht nur die Arme, die angestrengt den Lenker festhalten, vibrieren, der ganze Körper wird durchgerüttelt. Während ich mit 40 (ja, ich habe die Geschwindigkeit erreicht) auf dem Pavé dahinhopple, denke ich auch etwas besorgt an die Standfestigkeit meines Materials. Es hält und als ich wieder sanften Straßenbelag unter mir habe, bin ich etwas durcheinander, weil sich’s irgendwie gut anfühlt. Ich rolle ein wenig aus und fahre den gleichen Abschnitt zurück, nochmals Schütteln, Rattern, Vibrieren bei 40 km/h. Ich mache das bei anderen Kopfsteinpflasterstücken ebenfalls und ziehe mir verwunderte Blicke zu, als ich auf der Donauinsel einen nur ca. einen halben Meter breiten Kopfsteinpflasterstreifen für mein Experiment nutze. Mehrmals und immer wieder Schütteln, Rattern, Vibrieren. Trotzdem ist es nachher beim Ausrollen in Richtung nach Hause in der Tat ein eigenartiges Hochgefühl, das aus dem anfänglichen Martyrium entstanden ist, es fühlt sich ein kleines Bisschen nach echtem Radsport mit seiner langen Geschichte an, die auch von den Profis an diesem Sonntag auf den staubigen Wegen und Straßen von Paris-Roubaix spezielle Art und Weise zelebriert wurde.

Fabian Cancellara konnte heute seinen dritten Sieg feiern bei diesem Rennen feiern. Im Ziel sehen die Fahrer kaputt, geschunden, schmutzig und abwesend aus. Paris-Roubaix hat ihnen alles abverlangt. Selbst der Triumphator Cancellara liegt erschöpft auf dem Boden. Ich bin nur einen winzigen Bruchteil der Profistrecke auf Pavé gefahren, habe aber nun eine ungefähre Ahnung, wie verheerend das Kopfsteinpflaster heute für die Profis gewesen sein muss. Anachronistischer Wahnsinn und gleichzeitig toller, echter Radsport.

Pavé

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3 Kommentare
  1. Hi Christoph. Ein schöner Bericht, den Du hier zusammengefasst hast. Der diesjährige Paris-Roubaix war souverän von Cancellara dominiert, auch wegen des Wetters sehr schnell gewesen. Ein tolles und spannendes Rennen. Ich kenne dort einige Passagen, da ich im Sommer oft mit meinem OCCP Crosser unterwegs bin, aber getraut habe ich mich bis jetzt noch nie. Nächstes Jahr soll sich das allerding ändern. Vielleicht sieht man sich dort. Viele Grüße aus Düsseldorf. LG Coray

  2. Hy Coray! Danke 🙂 Ja, ein Monument als Topfavorit quasi mit Ansage zu gewinnen, das ist spitze! Der Gedanke, mal die Hobby-Versionen der Flandernrundfahrt oder Paris-Roubaix zu fahren, der spukt manchmal provokativ in meinem Kopf herum 😉 Wenn ich fahr‘ werde ich es Dir mitteilen 🙂 LG nach Düsseldorf aus Wien

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