Weylandt, Wouter (BEL) #108

9.5.2011, Giro d’Italia, 3. Etappe, Abfahrt vom Passo del Pocco. Wouter Weylandt (26), blickt sich um, um zu sehen, ob es sich lohnt, auf die Gruppe von ca. 20 Fahrern hinter ihm zu warten. Dabei touchiert er mit seinem linken Pedal oder dem Lenker eine kleine Mauer und wird auf die andere Straßenseite geschleudert, wo er mit einem weiteren Gegenstand zusammenstößt. So schilderte es Manuel Cardoso (Portugal), der den Sturz gesehen hat. Der junge Belgier verstirbt noch an der Unfallstelle. Seine Freundin, bringt am 1.9.2011 eine gemeinsame Tochter zur Welt.

9.5.2013, Giro d’Italia, 6. Etappe, Margherita di Savoia. Etappensieger Mark Cavendish hält bei der Siegerehrung einen weißen Zettel mit der Nummer 108 hoch und widmet seinen Sieg dem vor 2 Jahren verstorbenen Weylandt – 108 war Weylandt’s Startnummer an jenem unglückseligen Tag.

Dieser Sturz am 9.5.2011 war nicht der erste tödliche Sturz im Peloton, die tödlichen Stürze von Fabio Casartelli und Andrey Kiviliev sind mir noch in nur zu gern verdrängter Erinnerung. Tödliche Stürze gibt es, seit es Radsport gibt. Aber gerade dieser Sturz beschäftigte und beschäftigt mich mehr, mehr als mir zunächst bewusst war. Bis heute weiß ich nicht, warum. Ist es die zeitliche Nähe und die Verknüpfung mit meinem Hobby? Weylandt verunglückte in der „Jetztzeit“ meiner eigenen Radsportambitionen. Sind es die wenigen Jahre, die ihm blieben? Ist es die Tragik um seine Freundin und die gemeinsame Tochter? Ist es die vorher unbeschwerte Süße des Eskapismus, dem ich folgen konnte, wenn es um Radsport ging, die nun eine gewisse Schwere mitträgt? Graue Wolken der Tragik in einer bislang perfekten Welt.

Wie schnell wohl Weylandt beim Sturz, der in einer Abfahrt passierte, war? 60? 70? In Abfahrten, v.a. in Abfahrten bei Wettkämpfen bin ich als Hobbyfahrer natürlich langsamer, in Bezug auf die möglichen Folgen eines Crashes aber wohl nur unwesentlich. Nach Weylandt’s Sturz habe ich unfreiwillig begonnen, über die möglichen Folgen meiner Hobby-Ausübung ernsthaft nachzudenken. Nein, auch ich lebe nicht ewig. Wie oft war’s eigentlich bei mir schon knapp mit einem schweren Sturz? Was ist eigentlich mit den unzähligen „normalen“ Trainingskilometern auf den Straßen, wo einem ständig motorisierte VerkehrsteilnehmerInnen ständig begegnen? Ich kann mich auch an die eine oder andere Szene aus Radmarathons erinnern, bei denen es mehrere Schutzengel gebraucht hat, um heil zu bleiben. Nicht immer trägt man durch eigene Fehler dazu bei, dass heikle Situationen entstehen. Ausgeliefertsein.

„WAS tue ich da eigentlich?“ Nach dem 9.5.2011 huscht diese Fragestellung nicht mehr nur durch meinen Kopf, sie zieht nunmehr langsam vorüber und verweilt mit großem Nachdruck. Sie geht auch erst nach entsprechender Auseinandersetzung. Vor jeder Ausfahrt muss diese Frage allerdings aus dem Kopf draußen sein, denn auch im Training kann viel passieren. Solche Fragen sind auf der Straße fehl am Platz. Da liegt aber wohl die Antwort, warum ich auch nach 2 Jahren noch oft an dieses tragische Ereignis denke: Es kann auch mich betreffen. Trotzdem muss man weiterfahren, ich möchte unbedingt weiterfahren, weil es unglaublich viel Spaß macht – ja, DAS tue ich da eigentlich, Spaß haben, sehr viel Spaß haben. Auch wenn viel passieren kann, ich empfinde den Radsport nicht als besonders gefährlich. Ich möchte und muss weiterfahren, viele wunderschöne Kilometer abspulen, ohne Radsport geht’s bei mir nicht… Manche Momente am Rad können aber durchaus auch im Gedenken an Wouter Weylandt vorübergehen.

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4 Kommentare
    • ja, sehr brav vom johnny 🙂 wenn auch diese aktion bei der siegerehrung sehr sympathisch war, sehe ich ihn als fan nicht allzu gerne gewinnen… und außerdem hat er eh schon so viel gewonnen 😉

  1. Ja, unser Sport kann gefährlich sein. Ich hab mich letztes Jahr im November mit dem Bike ziemlich übel hingelegt, hätte ich keinen Helm angehabt, dann wäre ein Schädelbruch drinne gewesen. So war zum Glück nur der Helm kaputt, das Ego angeschlagen und an diveresen Stellen die Haut weg….

    Je nachdem ist kein Sport machen aber gefährlicher, die Folgen davon kommen schleichend und sind dann auf den internistischen Stationen der Spitäler dieser Welt zu bewundern.

    Ich gehe beim Velo fahren möglichst nur kontrolliert Risiken ein d.h. den Berg so runter fahren, dass ich noch rechtzeitig bremsen kann und überlege mir – gerade beim Biken – runterfahren oder doch auch mal schieben? Das sehe ich danach zwar dann auch auf dem Tacho, aber lieber schlechter Schnitt als Aua 🙂

    Auch kann es einen überall erwischen, der Zebrastreifen lässt grüssen…..

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