Vienna City Triathlon: Mein Körper und ich beim Zeitfahren

wieder daheim

wieder daheim

Vienna City Triathlon 2013. Seit 2009 konnte ich jedes Mal mit einer Staffel auf der Sprint-Distanz dabei sein. Selbst schwimmen oder laufen wäre ein entwürdigendes Schauspiel. Der VCT ist auch eine der wenigen Veranstaltungen, wo ich nicht direkt mit dem Auto anreise, um vor Ort mein Glumpert auszuräumen. Das ergibt jedes Jahr wieder verwunderte Blicke der Mitmenschen, wenn ich mit aufgemotzter Zeitfahrmaschine und Alien-Zeitfahrhelm in die S-Bahn steige. Natürlich könnte ich auch direkt mit dem Rad auf die Donauinsel fahren, allerdings ist das an einem Samstag am Morgen aufgrund der von den Partypeople der letzten Nacht in regelmäßigen Abständen ausgelegten Glassplitterfallen keine gute Idee. Vom Praterstern an fahre ich dann aber meist doch die kurze Radstrecke zum Start auf die Donauinsel, um das erste Mal bei meinem Körper anzufragen, wie es ihm heut‘ so geht.

„Wie soll’s mir geh’n, Du Kasperl?!“, antwortet er etwas verärgert. „Ein Drittel weniger trainiert, als im Vorjahr, wo Du wegen dem Fußball-Nasenbein-Geschichte 1 Monat nix gemacht hast. Und das bei der Tatsache, dass Du ohnehin kein fleißiger Trainierer bist!“, analysiert er weiter und lässt mich etwas zerknirscht innerlich nicken. „Und überhaupt: Hast Du die letzten 2 Wochen vergessen? Seit 14 Tagen hast Du mich nicht richtig in Ruhe gelassen, um die Verkühlung auszukurieren, weil Du Dich unbedingt als ‚Held der Arbeit‘ versuchen musstest.“ „Ja, eh, hast Recht… Heuer ist’s schlecht für uns gelaufen… Hab‘ Verständnis für Dich. Aber so ein kleines Rennen ist doch leiwand, oder?“, entgegne ich und frage gleich, aber doch etwas zurückhaltend, nach: „Bist motiviert?“ „Oida, was fragst denn so deppert, ich bin immer zu 120 % (er übertreibt gerne) motiviert, wenn’s um Rennen geht! Habe zwar fast keinen Sprit im Tank, aber der wird heute verfeuert!“, lässt er mich, wieder etwas verärgert klingend, wissen. Passt.

Mit Schwimmer C. und Läufer J. in die Wechselzone eingecheckt und noch ein paar Details untereinander besprochen. Ich sitze am Boden, suche meine 7 Sachen zusammen und schnüre mir noch die Sportschuhe, damit ich noch ein wenig in der Wechselzone zum Aufwärmen herumhopsen kann. Als ich aufstehe, bleibt mein Kreislauf sitzen… Huh… *schwindel* Es dreht sich… Mein Körper und ich schütteln resignierend den Kopf. Herumgehopst wird dann trotzdem, es soll ja kein kompletter Kaltstart in die 22,5 km werden. Als die ersten Schwimmer die Wechselzone erreichen, ziehe ich meine Radschuhe an, montiere die Startnummer und setze den Alien-Helm auf. C. kommt im vorderen Mittelfeld der Staffeln in der Wechselzone an.

Es folgen 22,5 Kilometer, die ich so nicht erwartet habe. „Gut geht’s!“, flüstert mein Körper und klingt dabei etwas ungläubig, fast fragend. Es ist aber tatsächlich wieder mehr Kraft in den Beinen, als in den letzten Bewerben. Ich kann nach längerer Zeit wieder das Gefühl genießen, Druck auf’s Pedal zu bringen. Zwar kassieren mich ein paar Einzelstarter ein, aber bezüglich Staffelteilnehmerfeld ist bei mir bzw. uns Zahltag. Das motiviert ungemein… Ein kleiner, sinnvoller Deal mit meinem Körper wird noch ausgemacht: Die paar Rampen bergauf zügig fahren, bergab aber nicht draufdrücken und ein paar Tritte auslassen – diese Taktik muss heuer aufgrund der allgemeinen Unform leider sein. Die Donauinsel runter gibt’s Wind mal leicht von hinten, mal von der Seite, beim Zurückfahren dementsprechend von vorne bzw. leicht von der Seite. Und eben dieser Wind von vorne unterstreicht die Tatsache meiner schlechten Form heuer. Nun heißt es, das Leiden freudig zu begrüßen und es bis zum Ziel kämpfend ertragen. Mein Motor läuft unter Volllast. Das Herz schlägt bis zum Hals, die Beine schmerzen, das Genick schmerzt, salziger Schweiß rinnt in die Augen, was in Kombination mit Kontaktlinsen, schmerzt, das Genick schmerzt, die Atemwege schmerzen, eigentlich schmerzt alles… Aus meinem Inneren erreicht mich wieder eine Stimme: „Jetzt wird’s zach, aber ich halte die 120 % (übertreib‘ nicht so schamlos!!!), solange es geht!“ Aber mit dieser Ansage von meinem Motor gefällt es mir in diesem Schmerz-Tunnel besser. Trotzdem muss ich ein wenig zurücknehmen, um mit einer sinnvollen Zeit im Ziel anzukommen, im letzten Drittel spüre ich jeden einzelnen Trainingskilometer, den ich heuer nicht gefahren bin. Schlussendlich kann ich aber nicht verhindern, dass das Feuer in mir langsam erlischt. Mir wird kalt, es fröstelt mich, obwohl ich aus allen Poren schwitze und es mir Minuten vorher noch heiß war. „So, jetzt Du!“, sagt mein Körper. Dass diese kalte Explosion aber erst 500 m vor dem Ziel passiert, gibt mir im Kopf aber noch die paar Reserven, diesen letzten halben Kilometer zu überstehen. Ich eiere um die letzten Kurven und fahre während meines Cyclocross-Abstieg s vom Rad den auf der Absteige-Linie vollbremsenden Vordermann noch fast über den Haufen. In der Wechselzone nimmt mir J. das Chipband ab und erlöst mich und auch meinen Körper. Während ich irgendwie halb im Knien, halb im Hocken über das Oberrohr meines Rades hänge, drücke ich meinen Tacho ab und sehe aus dem Augenwinkel die absolvierte Zeit. Passt.

186 bpm avg. 194 max

186 bpm avg. 194 max

Wieder bei Sinnen realisiere ich, dass das heute ein kräftiges Lebenszeichen für meine Straßensaison 2013 war. Ich, nun wieder als Summe aus Körper und Geist, bin bei weitem nicht dort, wo ich vor 2 oder 3 Jahren war, aber bei weitem nicht so weit weg, wie ich nach meinen letzten Auftritten befürchtet hatte. Und das nach einer harten Arbeitswoche und überhaupt nicht fit. Ich bin glücklich. Mein Körper freut sich an den nun massenhaft ausgeschütteten Endorphinen und ist ebenfalls zufrieden. So haben wir beide gemeinsam was davon, Endorphine sind ja auch gut für den Geist. Und somit endet diese Schizophrenie nun auch mit dem Ende des Posts… hoffentlich 😉

P.S.: Danke, C. & J. für den lässigen Tag und Gratulation, suppa warts :-)! Für Euren Rennbericht müsst’s aber selber bloggen 😉
P.P.S.: Für mich war’s die drittschnellste Radzeit (37,6 km/h Schnitt… war schon mal besser, aber es passt für 2013 und für mich persönlich) unter den Staffelradlern. Insgesamt haben wir einen Top-10-Platz unter mehr als 30 Teams abgeschossen und einen Pokal gab’s auch.

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10 Kommentare
    • und nach dem quälen gibt’s endorphine zu hauf… 🙂
      so pulssachen sind ziemlich individuell, glaube ich. ich dürfte wohl einen kleinen motor haben, der muss höher drehen und irgendwie halte ich’s aus – die moral stimmt somit, die beine halt noch nicht 😉
      p.s.: finde das bloggen übrigens auch aus folgendem grund interessant… hatte bei der siegerehrung den namen „ostendorf“ gehört –> „aha, denn kenne ich ja woher?!“

      • ich fahr bei Wettkämpfen nie mit Pulsuhr, weil ich mich ja schnell aus dem Neo schälen muss 😉
        wenn ich im Training am Rad richtig drauf drücke, komm ich nie über 165; maximal 170, da bin ich aber halb am Sterben … 😉

  1. Alex sagte:

    Schönes Gerät !
    Und gute Zeit bei dem welligen Kurs, sauber!

  2. Ein Schnitt von 37,6, ist ja der Hammer!
    Habe mich letztens bei einer RTF über einen Schnitt von 24 gefreut 🙂

    Glückwunsch zum Pokal!

    • danke für die blumen! 37,6 ist objektiv gesehen nicht so toll, mich freut’s aber. RTF mit 24 passt ja auch voll, dauern ja auch länger 🙂

  3. mittlerweile gibt’s eine erklärung für meine verkühlung der letzten 2 wochen… keine standard-verkühlung, sondern ordentliche halsentzündung rechts. ja nur rechts. denn rechts gibt’s diesen weisheitszahn, der nun ganz rausgekommen ist. dabei hat sich das zahnfleisch nicht vorschriftsmäßig zurückgezogen, sondern blieb einfach und somit gab’s einen entzündungsherd mit massiven auswirkungen… jetzt habe ich einen kleinen schnitt im mund und darf 2 mal am tag lustige antibiotika-zuckerln nehmen.

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