Sparrows, Nightingales & Tom Simpson

Heute, am 30.11.2013 hätte ein äußerst tragisches Idol des Radsports Geburtstag gefeiert: Tom Simpson wäre 76 geworden.

Der Name Simpson hat sich mit traurigem Pathos bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung eines Heldentums in die Herzen vieler Radsportfans eingebrannt. Auch in meines. Die Ereignisse des 13. Juli 1967 erzählen das letale Scheitern einer Ikone, die genau durch diesen Tod zu einer solchen geworden ist: Hitze, Mont Ventoux, Angriff, Amphetamine, Alkohol und Dehydrierung stehen am Beginn. Tom Simpson, Startnummer 49, fährt in Schlangenlinien, er stürzt. Irgendwie rappelt er sich auf und sitzt wieder am Rad, wird von Zusehern und Betreuern angeschoben und fällt kurz danach für immer vom Rad. Der angeblich von Simpson nun ausgesprochene Satz „Put me back on my bike!“ wird zu einem zentralen, mythischen Wortgeflecht im Radsport. Wiederbelebungsversuche scheitern. Ein Held ist tot.

Von da an wird über Doping und dessen Auswirkungen gesprochen und diskutiert. Was heute in Hysterie und Scheinheiligkeit (anstatt seriös) in Gesellschaft und Medien diskutiert wird, hat damals seinen Ausgangspunkt gehabt. Jeder Radsportfan weiß, dass Doping maßgeblich zum Tode Simpsons beigetragen hat, im Gedenken an ihn tritt Doping aber in die zweite Reihe, ein gewisses Licht als eine Art Märtyrer überstrahlt es. Ich gestehe, dass mich das überhaupt nicht stört.

Dass seine tollen Ergebnisse die er erreicht hat, durch seinen mystifizierten Tod ebenfalls in den Hintergrund getreten sind, finde ich aber auch etwas schade. Seine Palmarés (siehe sein Wikipedia-Eintrag), beweisen, dass er schon ein äußerst guter Rennfahrer war. Stehen seine Ergebnisse wenigstens auf seinem Gedenkstein am Mont Ventoux? Dort, wo seither viele Radsportler stehen bleiben, inne halten und Gegenstände im Andenken an das Schicksal des Engländers zurücklassen und Eddy Merckx im Vorbeifahren während einer Tour-Etappe die Mütze ehrfürchtig vom Kopf nahm.

Aus Simpsons Biografie ist mir die Aussage über ihn, er hätte sich im Training oder bei Rennen auch ohne Doping ins Delirium fahren können, in Erinnerung geblieben. Über sich hinauswachsen können. Unmenschliche Leidensfähigkeit. Unbändiger Willen. Den tiefroten Bereich aushalten. „…Dividing sparrows from the nightingales…“  (aus einem Song der Band Wolfsheim). Solche Eigenschaften trennen oft Menschen, die besondere Leistungen erbringen können (in welchem Bereich auch immer) von solchen, die es nicht können oder wollen. Die zitierte Textzeile fällt mir immer wieder ein, wenn der Name Tom Simpson durch meine Gedanken huscht. „…Dividing warships from the ferryboats…“ könnte es etwas martialischer ausdrücken.

„…Dividing deaf men from the listening ones…” Auch das vernimmt man im Text. Auch hier lässt sich eine Trennung durch gewisse Eigenschaften vernehmen, manche Menschen können auf sich selbst, auf ihren Körper und ihren Geist hören, manche sind taub. Das gilt für mich nicht nur für den Sport, sondern auch wie oben geschrieben, für viele Bereiche. Ich glaube übrigens daran, dass man schrittweise lernen kann, auf das Feedback, dass man von seinem Körper und Geist erhält, immer besser zu reagieren. Dieses Lernen finde ich enorm wichtig. Über sich hinauswachsen können. Unmenschliche Leidensfähigkeit. Unbändiger Willen. Den tiefroten Bereich aushalten. Sehr schöne Motivationsphrasen eigentlich. Aber gerade diesbezüglich ist es wichtig, nicht zu übertreiben, v.a. nicht nachhaltig und andauernd, sonst ruiniert man sich wohl. Hier ziehe ich eine parallele Linie zur dzt. öffentlich diskutieren Diskussion um Burnout und Depressionen.

Zurück zum 13. Juli 1967 und Tommy Simpson. Amphetamine und Alkohol, die das Feedback des Körpers übertönen lassen und das physische Überlaufventil, das gefährliche Überlastung und tödliche Erschöpfung verhindern soll, blockieren, gemischt mit unglücklichen Umständen führten mMn zum Tod und gleichzeitig zur Geburt einer Ikone. Endlos traurig und tragisch.

Ruhe sanft, Tommy & Alles Gute nach oben!

http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Simpson_(Radrennfahrer)

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5 Kommentare
  1. Jaques Anquetil, immens erfolgreich, aber wahrlich kein Sympathieträger, hat mal gesagt, man könne nicht ungedopt an 200 Tagen im Jahr Rennen fahren. Aber Du hast es schon angerissen, die Reduzierung auf das Thema Doping verliert den Menschen, der da auch noch ist. Lesenswert ist David Millars „Vollblutrennfahrer“, (derzeit wird ein Film über ihn gedreht) weil es sich weder auf den Sport noch auf das Doping beschränkt, sondern schildert, wie da einer an einem gewissen Punkt kippt, alle seine Vorsätze fallen lässt und sich selbst dabei fast verliert.

    http://guterbubi.wordpress.com/2012/09/04/vollblutrennfahrer/

    • ja, den „vollblutrennfahrer“ habe ich gelesen! hat mir sehr sehr gut gefallen. und es zeigt so viel, eben, so wie du’s geschrieben hast, auch viel vom menschen „david millar“.

      da gibt’s bald einen film?

      ein anderer des dopings überführter ex-profi, bernie kohl, ist mit vor kurzem „untergekommen“… als unternehmer und als veranstalter von schnupper-trainings-stunden auf der bahn (bahnradsport in Ö war ja vorher freimaurerisch geheim) im ferry-dusika-stadion und als veranstalter von cyclocross-rennen. natürlich alles mit sponsorship, aber genau dafür ist sponsorship da – und fleißig arbeiten dürfte der bernie auch dafür. sympathisch!

    • danke für den link 🙂 🙂 🙂 die band kannte ich nicht! die haben ja lt. wikipedia noch ein paar andere radfahrer-songs im programm!

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