Kein Regenbogen in Hoogstraten

Eine Woche nach der spektakulären Querfeldein-WM fand in Hoogstraten, der lt. Wikipedia nördlichsten Gemeinde Belgiens, ein relativ gatschiges Querfeldein-Rennen statt. Grundsätzlich ein unspannender Kurs, wäre der Untergrund nicht ordentlich durchnässt und somit tief und schlammig. Die Cracks waren viel zu Fuß unterwegs, das symbolische Bild des Cyclocross-Fahrers, der das Rad schultert, war oft zu sehen. Schöner Sport. Aber eines fehlte… Der Regenbogen.

 

Den hatte sich nämlich Zdenek Stybar gekrallt, nachdem er in einem der genialsten Duelle am Rad, die ich je gesehen hatte, letzten Sonntag in Hoogerheide den schrecklichen Sven (Nys) geschlagen hatte. Er besitzt nun das exklusive Recht, für ein Jahr die Weltmeisterstreifen als Brustzier zu tragen – zum dritten Mal übrigens. Allerdings nur, wenn er im Gelände unterwegs ist. Wenn er z.B. auf den Pflastersteinen auf dem Weg zu seinem großen Saisonziel, sich im Velodrom von Roubaix einen Pflasterstein abzuholen, zu sehen sein wird, wird er ganz normal in den Teamfarben seines Teams Omega-Pharma-Quick-Step zu sehen sein. Stybar ist, so wie z.B. auch Lars Boom (Cross-Weltmeister von 2007) vom Cylcocross-Fahrer zum Straßenfahrer geworden. Heute in Hoogstraten war Stybar auf jeden Fall einmal nicht da, der Regenbogen daher auch nicht.

Auf der Straße, wenn auch diese Bezeichnung nicht unbedingt für jeden Kilometer bei Paris-Roubaix gelten mag, ist Stybar übrigens ein Fahrer mit tollen Perspektiven, was er ja eben dort „in der Hölle des Nordens“ 2013 bewiesen hat (Boom ist als Profi auf der Straße übrigens auch nicht „Irgendeiner“). Stybar fährt aber immerhin noch Cyclocross-Rennen, wenn auch weniger, Lars Boom fährt nicht mehr im Gatsch. Diese Cross-Saison ist Stybar 6 (glaube ich) Rennen vor der WM gefahren, das reicht für einen Klasse-Crosser wie ihn als Vorbereitung und könnte sogar der entscheidende Vorteil für ihn gewesen sein: Ein Großteil der Cross-Elite hat Verträge (bzw. muss Verträge haben), die sie dazu verpflichten, an (fast) allen Rennen im Herbst und Winter teilzunehmen. Stybar hat diese Verpflichtung nicht und sei daher weit weniger erschöpft – die WM ist immer relativ spät in der Cross-Saison, meinen viele, ein möglicherweise nicht unwesentlicher Vorteil. Phlipp Walsleben, der dzt. beste Cyclocrosser aus Deutschland, ist übrigens dieser Meinung. Vielleicht auch so manche belgische Cracks, aber da ich kein Flämisch kann, weiß ich die zahlreichen Berichte dazu im Web nicht zu deuten… Für die Fans war der ansich sympathische Tscheche jedenfalls nicht der „richtige“ Sieger, was zu einigen Pfiffen bei der Siegerehrung führte. Angeblich gab’s von Stybar auch ein ziemlich patziges Interview („… WM so nebenbei…“), von dem ich nicht weiß, ob’s vor dem Rennen oder nach der mit Pfiffen begleiteten Siegerehrung war. Imagefördernd war’s halt nicht gerade.

Zurück nach Hoogstraten. Nys durchpflügte den Schlamm in beeindruckender Weise, auch das Sandstück ist er relativ gemütlich durchfahren, während seine Konkurrenten vom Rad mussten. So nebenbei: Wie machen das die Chefs? Sand verklebt ja derart die Cleats an den Schuhen, Gatsch auch, was das Einklicken manchmal zu einer nervigen Angelegenheit macht – dass sie Probleme beim Einklicken gehabt hätten, ist mir fast noch nie aufgefallen (außer bei der heurigen WM übrigens). Mir, der mit Shimano ans Rad gebunden ist, passiert das doch öfters in Rennen, wenn’s was zu laufen gibt… Aber egal. Halbwegs folgen konnten ihm nur seine belgischen Landsmänner Klaas Vantornout und Niels Albert. Nys gewann das Rennen in überlegener Manier und präsentiert die „belgische Tricolore“, die Kombination aus Schwarz, Gelb und Rot, die ein belgischer Meister in einer Radsport-Disziplin eben tragen darf. Auch schön, denn wenn sich Nys zum Weltmeister gemacht hätte, wären wohl die belgischen Farben bis zu den Meisterschaften nicht zu sehen gewesen.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang Folgendes: Stybar fährt auf Specialized, dem Rahmensponsor seines Teams (Omega-Pharma-Quick-Step). Manche Experten haben sich gewundert, dass das Team Stybar überhaupt die Erlaubnis gegeben hatte, in den kälteren Monaten zu seiner alten Liebe, dem Cyclocross-Sport, für einige Rennen zurückzukehren. Die Straßensaison mit dem Ziel bei den prestigeträchtigen Klassikern des Nordens (neben Paris-Roubaix v.a. auch die Flandern-Rundfahrt) zu brillieren, könnte ja durchaus gefährdet sein, meinen sie. Mark Cavendish wurden angeblich Auftritte auf der Bahn nicht erlaubt. Der kann auf der Bahn auch so einiges, wurde immerhin 2005 und 2008 Weltmeister im Madison (2008 mit keinem geringerem als Bradley Wiggins als Partner).

Zunächst war ich auch verwundert, aber nach Einbeziehung des im (Rad-)Sport allgegenwärtigen Kommerz-Terrors (man möge mir die überspitzte Formulierung verzeihen) ist’s für mich in meiner kleinen Rotlaternen-Welt relativ klar. Für Specialized zahlt es sich aus, auch im Cyclocross präsent zu sein, der Sport erlebt ja einen deutlich spürbaren Aufwind in den letzten Jahren. Dem Bahnradsport geht’s leider ungleich schlechter, obwohl er z.B. viel internationaler betrieben wird. Cavendish mit einem Specialized-Rad auf der Bahn würde dem Ausrüster auf dem Markt weniger bringen. Und für die belgischen Sponsoren von Stybar’s Team zahlt sich ein Querfeldein-WM-Titel und die Präsenz bei doch einigen Rennen in Belgien wohl auch aus. Umgekehrt: Wenn Specialized und Omega-Pharma-Quick-Step nicht wollen, dass Stybar keine Crossrennen fährt, dann wird Stybar, solange er nicht das Team wechselt, auch keine Crossrennen fahren. Wie das bei Boom ist, weiß ich nicht. Bei Francis Mourey (FRA – FDJeux.fr) oder Enrico Franzoi (Selle Italia-Guercotti) ist’s vermutlich einfacher, denn die fahren zwar nicht schlecht auf der Straße, sind aber im Gelände doch erfolgreicher.

Man wird sehen wie das mit Stybar in der kommenden Cross-Saison weitergeführt wird. Ich tippe auf eine ähnliche Gestaltung von Stybar’s Saison, wie 2013/2014 und es wird wohl, so wie in Hoogstraten, bei einigen Rennen keinen Regenbogen geben. Interessant wird’s in jedem Fall, sowohl aus sportlicher Sicht, als auch aus wirtschaftlicher Sicht: Denn wenn sich Stybar’s Saisonplanung und die Abwesenheit bei vielen Querfeldein-Rennen negativ auf das Image auswirkt, könnten sich Specialized und Omega-Pharma-Quick-Step etwas überlegen müssen…

Hier übrigens das Video zur letzten Runde aus Hoogstraten: http://www.vier.be/veldrijden/videos/hoogstraten-laatste-ronde/119935

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4 Kommentare
  1. Die Befürchtung, dass der Träger des Regenbogentrikots sich bei den Crossrennen der kommenden Saison nicht sehen lassen wird, stößt wohl manchen Freunden dieses Sports auf, vielleicht rührten auch daher ein paar Buhrufe. Die Überlegung, dass er besser erholt und vorbereitet an den Start ging, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. Die anderen Starter haben ein ganze Saison in den Beinen und wenn du dir mal anschaust, wie viele Rennen die in kurzer Zeit gefahren sind, dann ist das schon sehr bewundernswert. Mir persönlich würde das nicht gefallen, wenn es eine weitere Spezialisierung gäbe. Früher sind viele Querfeldeinfahrer auch auf der Straße gefahren und umgekehrt. (de Vlaeminck war Crossweltmeister) Mittlerweile starten viele Straßenfahrer schon nur noch bei ausgewählten Rennen und bestreiten nicht die ganze Saison. Trauriger Höhepunkt war da Armstrong, der nur auf die TdF setzte. Sollen jetzt auch die Crosser nur noch einzelne Wunschtermine fahren, soweit sie einen gut dotierten Vertrag haben, während nur die breite Masse jedes Rennen fahren fahren muss, um Geld zu verdienen? Und sollen die Zuschauer die Topfahrer dann nur noch bei ein paar ausgewählten Rennen sehen dürfen?

    • dem gibt’s nichts mehr hinzuzufügen. mal sehen, wie’s wird!

      jepp, man sieht mittlerweile fast keine straßenfahrer mehr im gelände… in Ö. dzt nicht mal in den nachwuchsklassen, obwohl gerade dort eine technikschulung wichtig wäre!

      passt zwar nicht ganz zum thema hier, aber zur zukunft des querfeldeinsports vielleicht passend: irgendwo habe ich mitbekommen, dass es bestrebungen gibt, an einem wochenende im monat kein querfeldeinrennen in belgien stattfinden zu lassen, damit die stars auch „im ausland“ fahren können, um den cross-sport populärer machen zu können. das wäre doch was. z.B. ein zwar mittlerweile sehr gealterter bart wellens in stadl-paura, wo ich heuer frau kupfernagel und den herren zahner, franzoi, haring und bambula zusehen konnte?!

      • Rennen in Belgien ausfallen lassen, damit die häufiger woanders fahren? Schöne Idee. Das wird aber vom Geld abhängen. Wo hat man schon so viele Zuschauer an der Strecke und vor dem Fernseher wie dort? Die paar Leute, die in Deutschland zu den Rennen kommen reichen sicher nicht für das Antrittsgeld, das die Top-Fahrer in Belgien bekommen. Eher fliegen die wieder nach Las Vegas, auch wenn’s schon sehr seltsam ist und man ein Querfeldeinrennen nirgends weniger vermuten würde (Ich war da mal, mitten in der Wüste liegt die Stadt). Vegascross 2013, Sieger Sven Nijs:

        Die US-Markt dürfte insgesamt vielversprechender und lukrativer sein als die sonstigen europäischen Länder.

  2. mit den startgeldern hast du vermutlich schon recht und die usa sind für cyclocross sicher ein markt mit perspektiven.

    was mich diesen gedanken aber noch nicht abschreiben lässt, die hoffnung lebt (etwas überspitzt ausgedrückt): alpines skifahren in rennmäßiger form ist in wenigen ländern auch wirklich populär. trotzdem gibt’s z.B. rennen in den usa und in japan/südkorea gibt’s/gab’s auch schon was… dort stehen dann z.B. banden von „milka“ oder „rauch“, die dem europäischen skifan ins haus geliefert werden. zuseher sind eigentlich nicht vorhanden. und gleichzeitig kann man vielleicht mehr paare skis österreichischer produktion in den usa oder sonst wo verkaufen. das gilt hinsichtlich cyclocross auf jeden fall für die usa, warum nicht auch für deutschland? für österreich… naja… aber medial hängt österreich eh schon so stark an deutschland 😉

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