Null Kilometer

„Bist mit’m Radl da?“ Auf diese Frage antworte ich immer mit „Nein“. Denn wenn ich in radsportmäßiger Kostümierung mit griffbereitem Rad herumlungere (in einer Pause zum Posen) erübrigt sich die Frage und außerdem bin ich da auf Trainingsfahrt (bzw. in einer kurzen Pause davon) und nicht irgendwo, wo ich „mit’m Radl“ zum Zwecke eines Orstwechsels „da“ sein könnte.

Ich wohne so ca. 9 Jahre in Wien. Pro Jahr fahre ich hier 0 km an Nutzfahrten mit dem Fahrrad. Früher bin ich in meiner Heimatortschaft mit dem Rad ins Bad oder zum Fußballplatz gefahren, aber das ist ewig lange her. Meine Räder sind für mich mittlerweile reines Sportgerät (v.a. aber Spaßgerät), ein Alltagsrad habe ich nicht und ich werde mir so bald auch keines anschaffen und daher auch keine Alltagsfahrten auf dem Rad machen. Warum?

Das kleinere Problem: Bei uns im mit Dauerparkern überfüllten Radlraum im Haus (in der Wohnung ist echt kein Platz mehr für ein zusätzliches Rad) wird’s entweder gfladert oder beschädigt. Und wenn ich’s dann irgendwo im Großstadtsdschungel abstelle passiert selbiges.

Der Hauptgrund für meine Abneigung zum Alltagsradeln ist aber die gesetzlose, gefährliche Situation auf den Radwegen in Wien. Aggressives Chaos. Sämtliche Dinge an Rücksichtslosigkeiten, Blödheiten und anderen Aktionen, die man nicht braucht, sind dabei. Ich erspare mir eine Aufzählung, der Leserin/dem Leser sei ein Blick in den eigenen Erfahrungsschatz oder die Phantasie angeraten. Mit ein paar Gedanken zur Beantwortung der Frage „Was kann ich alles Deppertes am Radweg machen?“ ist man ebenso gut dabei. Nicht mal die Standard-Dinge wie Handzeichen oder das Halten an roten Ampeln werden gemacht. Auch könnte ich mit allen möglichen Stereotypen über gewisse RadlerInnengruppen ordentlich aushauen, aber ich möchte mich da jetzt auch nicht unnötig hineinsteigern. Und wenn einmal doch, kommt ein eigener politisch unkorrekter Blogeintrag.

Bei meinen sportlich motivierten Ausfahrten kann ich einzelne Anarcho-Passagen auf den Radwegen leider nicht vermeiden und sehe dabei immer wieder unnötige Brezn und andere Unfälle, die mich glücklicherweise bisher nicht betrafen. Zusätzlich zu den Unfällen gibt’s noch standardmäßig Beflegelungen innerhalb der RadfahrerInnen und den Kleinkrieg mit motorisiertem Straßenverkehr und FußgängerInnen. Das brauche ich alles nicht. Ich meide Wien’s Radwege (außerhalb der Großstadt sieht’s allerdings besser aus) so gut es nur geht. Paradox, aber ich fühle mich auf Straßen (ich fahre allerdings fast nur auf weniger befahrenen Straßen) sicherer, als auf Wien’s Radwegen.

Gründe für das Anarchie-Verhalten? Keine Ahnung, wir Menschen dürften heutzutage halt zu solchen Dingen neigen. Priorität A auf die eigene Freiheit, Priorität mit einem Buchstaben weit hinten im Alphabet für Rücksichtnahme, Respekt und sozialem Verhalten. Einordnung in ein System wird mit Unterordnung verwechselt.
Änderungsvorschläge meinerseits? Ebenso keine Ahnung, Radbeauftragter der Stadt Wien bin ich genau so wenig, wie Verkehrstadträtin. Jedenfalls ist aber vielen RadlerInnen wohl nicht bewusst, was sie als Gefährt mit einem Systemgewicht von so 70 bis 90 Kilo bei einer Geschwindigkeit van an die 30 km/h bei einem Zusammenstoß an (physischen) Schaden anrichten können. Gut, eine Anregung aus städteverwalterischem Umfeld möchte ich doch noch abgeben: Wien’s Gehsteige, Spielplätze und andere Flächen sind nicht dadurch weniger mit Hundstrümmerln verschissen, weil sich das Bewusstsein der Leute von selbst oder die Imagekampagnen geändert hat. Denn: Den Freischiss für’s Hunderl gibt’s halt nimmer, der kostet nun ordentlich, kontrolliert wird auch.

Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, entweder zur Arbeit oder wenn ich was zu erledigen habe, gehe ich zu Fuß und/oder nutze das tolle öffentliche Verkehrsnetz der Stadt. Vielleicht ist man mit dem Rad schneller von A nach B in Wien unterwegs… Aber: Immer schnell sein und sich stressen? In dem Hamsterrad darf ich eh fast täglich im Büro laufen. Beim Dahinschlendern durch die Straßen Wiens genieße ich zusätzlich eine gewisse Langsamkeit und habe mehr Zeit, mich an den optischen Vorzügen der Stadt zu erfreuen. Stressfreier allemal. Und „Leut-Schau’n“ ist so auch einfacher.

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8 Kommentare
  1. Zu Anarchie und ähnlichem kann ich wenig beitragen. Aber dennoch: Radwege sind des Teufels. Und ein grundverkehrter Ansatz. Sie sind per Definition, in ihrer Grundanlage und vor allem auch in ihrer Halbherzigkeit gefährlich. Selbst wenn sie gut gemeint und geplant sind. Und das sind sie in den seltensten Fällen.

    Radwege sind auch eine Extra Gefährdung, wenn man sie meidet. Weil dann der motorisierte Verkehr noch anarchischer (der kann das genausogut, wenn nicht noch besser) sich bemüssigt fühlt, der Radfahrer muss doch unbedingt auf dem Radweg fahren. Und sich vielleicht extra gestört fühlt. Den Radfahrer unbewusst – oder sehr bewusst – nötigt, zu eng überholt, hupt, nach dem Passieren (endlich am Radfahrer vorbei, auch wenn es nur Sekunden waren), den Motor aufheulen lässt (und dabei die nächste Abzweigung viel zu schnell und dabei sich selbst und noch weitere neben mir gefährdet).

    Radwege gehören verboten!

  2. So schlimm? Bei mir ist’s gerade umgekehrt, ich erledige fast alle Alltagswege mit dem Rad, und wenn ich Abends unterwegs bin, ist oft der nächtliche Heimweg über die Landstraße ein entspannender Abschluss. Auf den Städtchen Radwegen hingegen muss ich in der Tat aufpassen und vorausschauend fahren, sonst würde mich jede Woche irgendein Autofahrer beim Rechtsabbieger auf die Hörner nehmen.

    In Flandern übrigens fuhren alle Rennradfahrer, die ich unterwegs getroffen habe, auf den Radwegen. Sogar dann, wenn der Asphalt auf der Straße besser war. Dafür gibt’s dort aber auch fast ausnahmslos an jeder Straße einen Radweg und die Autofahrer wiederum halten im Zweifel auch dann an, wenn sie selbst eigentlich Vorfahrt hätten. Hupen und Schimpfen gibt’s dort nicht. Radfahren ist halt Nationalsport dort. Siehe: Es ist ist keine bauliche Frage, sondern einer der charakterlichen Reife.

    • naja, schlimm finde ich’s schon, vielleicht aber, wie sich’s für einen blog gehört, etwas übertrieben 😉 hatte aber vorgestern wieder SO EINE ausfahrt… ein vorurteil, das ich ggü deutschland habe ist, dass es dort grundsätzlich disziplinierter zugeht, das gilt vielleicht ja auch für radwege und radfahrerInnen (bzw. überhaupt im verkehr)? bei uns ist das radfahren ein emotional brisantes thema und noch dazu ein politikum. und auch deshalb bin ich dir für deine schlussworte hinsichtlich baulicher frage und charakterlicher reife.

      flandern ist offensichtlich so etwas, wie das gelobte land für radfahrer 🙂 abgesehen von deinem erfahrungsbericht hier deuten ja auch deine fotos darauf hin 🙂

      • Deutschland disziplinierter? Nicht die Bohne, würde ich sagen, könnte ich einen Vergleich mit Österreich anstellen. Fahr‘ mal hier auf der Straße, wenn ein Radweg existiert, das Gehupe und Schimpfen wird nicht lange auf sich warten lassen. (Verständlich wird das in meinen Augen allerdings dort, wo eine 2,5 Meter breite, nagelneue, glatte Asphaltpiste neben der Landstraße für die Radfahrer angelegt wurde, schön abgetrennt durch einen Graben)

        Mein Flandernbericht ist mit ein wenig Vorsicht zu genießen, ich war ja nur 5 Tage und nicht 5 Wochen dort. Aber auffällig war’s schon, wie gut Zwei- und Vierradfahrer miteinander auskamen. Nun war der Großteil unserer Strecke ja eigens als Fahrradroute angelegt und beschildert und ist vielleicht nicht repräsentativ. Dass allerdings parallel auch zu fast allen Nationalstraßen Radwege verlaufen, war schon prima. Man muss dort nirgends fahren, während Autos mit 100 Sachen dicht vorbeiziehen. Aber wen wundert’s? Da hängen an Tankstellen ein halbes Dutzend Plakate von aktuellen Radsportveranstaltung vor Ort, im Fernsehen wird live übertragen und die Cross-WM hat 75 % Einschaltquote…

  3. zerstör mir nicht das bild vom „korrekten und disziplinierten deutschen“ 😉 !
    was du beschreibst, betrifft ja eher den straßenverkehr bzw. den konflikt zw. „auto“ und „rad“ (wobei es halt auch nicht so einfach möglich ist, aus dem „verkehr“ den radverkehr, den straßenverkehr, den autoverkehr,… rauszuextrahieren). mir ging’s eher um den meiner meinung nach gefährlichen zustand auf den radwegen in wien selbst. das hatte ich in deutschland entspannter und disziplinierter in erinnerung.

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