Widerlich

Was die TV-Medien betrifft, sind Österreich und Deutschland über die Jahre sehr stark zusammengewachsen. Dieses Verschmelzung bedarf aber einer Präzisierung: In Ö. werden massenhaft deutsche Medien konsumiert, der umgekehrte Weg wird selten beschritten. Als jemand, der mit der Fernbedienung auch regelmäßig nach Deutschland reist, betrifft mich folgendes Thema natürlich, als Radsportfan sowieso.

Klaus Angermann und Herbert Watterott baten schriftlich die Zuständigen mächtigen Männer in ARD und ZDF, doch die mediale Eiszeit (für mich ein viel zu gelinder Begriff) zu beenden. Sie schrieben über die tollen Leistungen der deutschen Athleten, die Dinge, die sich geändert haben und nahmen auch die Ungleichbehandlung des Radsports im Vergleich zu anderen Sportarten in ihr Bittgesuch auf. Am Ende erreicht sie und uns eine positive Botschaft. In der heißt es „…werden wir Mitte des Jahres auch im Austausch mit dem ZDF über die Zukunft der medialen Präsenz des Radsports in unseren Programmen beraten.“ Naja, schlechter kann es ja eh nicht werden. Irgendwie doch lobenswert, was die beiden Radsport-Reporter-Legenden gemacht haben.

Wenn ich mir aber die zitierten Entgegnungen der TV-Macher (Dr. Thomas Bellut und Lutz Marmor Vorsitzender der ARD) so durchlese, komme ich eher zu der Meinung, dass die TV-Herren eher einen zünftigen öffentlichen Zusammenschiss seitens der „Stimmen des Radsports“ verdient hätten. Vielleicht mit den Worten: „Bevor ich überhaupt noch irgendeine Sendung Eurer armseligen, arroganten und scheinheilgen Lackaffen-Sendergesellschaften sehe, schiebe ich lieber dem unsympathischen Sky-Imperium meine Euros in den H… äh auf’s Bankkonto.“ Dass sich Watterott und Angermann derart entwürdigen müssen, finde ich bitter und es macht mich zornig. Gleichzeitig erzeugt  mir die Macht der Medien, wie sie hier beschrieben wird,  ein mulmiges Gefühl:  Was Medien alles so hochleben und zerstören können…  Da gibt’s ein Buch über Frau Blum. Ulle wurde medial hingerichtet, Wulff ebenso. Nicht dass der Tour-Sieger von 1997 und der Ex-Bundespräsident alles richtig gemacht hätten, aber die mediale Jagdgesellschaft stieß in unendliche Tiefen vor.

Zurück zum ‚Aktuellen: „Der Ausstieg von ARD und ZDF damals hatte seinen Grund in der drastisch zurückgegangenen Zuschauerakzeptanz, die sich als Folge des flächendeckenden Dopings im Radport einstellte. Insofern ist eine Vergleichbarkeit mit anderen Sportarten nicht ganz gegeben“. Aber sicher kann man vergleichen, Herr Bellut. Wenn man z.B. bei der Fußball-WM nur über den bissigen Suarez, fahrlässige oder absichtliche Körperverletzungen (=Fouls) oder das korrupte Fußballbusiness ansich berichten würde, anstatt den absolut tollen Sport in seinem ganzen Glanz zu zeigen (jepp auch ich bin Fußballfan), bräuchte man sich nicht wundern, wenn die deutschen Fußballfans sich den Kick anderswo ansehen (vielleicht auch beim ORF, sofern empfangbar). Eurosport war die alternative zum arroganten Doping-Tribunal auf ARD und ZDF.

Auch Herr Marmor erklärt uns seine Welt: „Nach allem, was passiert ist, möchten wir abwarten, wie sich die Situation im deutschen und internationalen Radsport weiter entwickeln wird. Eine generelle Abkehr von Übertragungen sämtlicher Radport-Großereignisse war zu keinem Zeitpunkt Grundlage unseres Handelns. Allerdings nimmt es nach einem Vertrauensbruch dieses Ausmaßes einige Zeit in Anspruch, eine Basis wiederherzustellen, die eine Übertragung im großen Stil rechtfertigt.“ Aha, Betrug und Vertrauensbruch führt dazu, dass über gewisse Dinge nicht mehr berichtet wird. Viel könnte man in der TV-Berichterstattung dann wohl nicht mehr zeigen ;-)Hat sich Marmor beim Griff zu seinen Amphetaminen gröber vertan, dass er so einen Mist von sich gibt?

Na sicher spielte Doping eine Rolle und viele Menschen wollten sich den Zirkus nicht mehr im TV ansehen. Einen Helden à la Ulle gab’s halt auch nimmer. Ohne Nationalhelden gibt’s weit weniger Interesse für eine Sportart.

Betriebswirtschaftlich verständlich, dass man ein Produkt, dass man teuer produziert (die Übertragungsrechte der Tour sind nicht billig und eine eigene TV-Produktion bei Radrennen ist angeblich nicht billig) und weniger verkaufen kann, aus dem Sortiment nimmt. Dafür habe ich Verständnis.

Man hätte dies einfach kommunizieren können. Stattdessen spielen sich hier ein paar wenige Medienchefs als moralische Instanz auf, die sie nie sind, nie waren, nie sein werden. Dafür habe ich kein Verständnis. Mehr noch: Durch Scheinheiligkeit und Messen mit zweierlei Maß haben sie sie maximal davon entfernt und für mich ein Attribut redlich verdient: Widerlich. Und von der vielzitierten „Glaubwürdigkeit“ sind die Medienfuzzis weiter entfernt als Lance bei seinen Pressekonferenzen während seiner Frankreich-Rundfahrten.

P.S.: http://www.radsport-news.com/sport/sportnews_88091.htm

P.P.S.: http://www.sueddeutsche.de/sport/weltmeisterschaft-und-doping-grosses-indianer-ehrenwort-1.2012093 auch interessant 🙂

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3 Kommentare
  1. In Deutschland interessiert man sich für Fussball. Für Fussball. Für Fussball.

    Für andere Sportarten nur dann wenn zufällig mal ein Deutscher der Beste ist. Um dann allerdings darauf zu warten, wann man ihn so richtig runter machen kann. Wer schlau ist, gibt sch mit dem Jeden nicht sonderlich viel ab. Aber wer ist mit 20 schon so abgezockt und weltgewandt, dass er weiß, wo der Hase lang läuft?

    Neulich musste ich von einem Journalisten lesen, dass Jan Ullrich zwar 1997 die Tour gewonnen habe, aber sonst nicht mehr viel zustande gebracht hätte…. der Mann war 5 x Zweiter bei der Tour, war 2000 Olympiasieger und 1999, 2001 Zeitfahrweltmeister.

    Wollte man wegen Dopings Sportveranstaltungen nicht übertragen, dann gäbe es keine Bilder von den Olympischen Spielen, bei denen jedes Mal Sportler des Dopings überführt werden. Doping im Fussball: Bei Serienmeister der italienischen Seria A und Champions-League Sieger Juventus Thron hat in den 90ern schon die ganze Mannschaft gedopt:

    „Systematisches Teamdoping – absolut jeder spricht bei diesem Thema über Juventus Turin. 1996 gewann Juve die Champions League. Zwei Jahre später nimmt der Turiner Staatsanwalt Raffaele Guariniello, selbst Juve-Fan, die Ermittlungen auf. 40.000 Seiten Akten produziert er, ruft Spieler wie Zidane und Cannavaro in den Zeugenstand. Am Ende beweist Guariniello Teamdoping. Der bis heute spektakulärste Fall.“

    http://fussballdoping.derwesten-recherche.org/2012/05/von-kreisliga-bis-champions-league/

    Die Tour läuft bei mir im Eurosport-Player für 5.- EUR den ganzen Monat. Kann man schön in die Arbeit integrieren,so ein Fenster oben rechts auf dem Monitor…

  2. hy! ja… da schreibst du mir aus dem herzen… diese ewige ungleichbehandlung ist zum kotzen. erschwerend halt bei gewissen medien-playern, dass sie sich dann noch als moralische instanz aufspielen. in österreich kommt übrigens noch ein zitat aus der bergpredigt bei „das leben des brian“ dazu: selig sind die schifahrer! der ÖSV ist da ganz speziell… und der herminator hat seine ganzen muskeln aus seiner zeit am bau. ganz ehrlich! und der herr pansold arbeitet öffentlich-friktionsfrei im red-bull-imperium. zum fußball-link: den deinigen kenne ich schon, aber trotzdem danke 🙂 hier einer, den du wahrscheinleich auch schon kennst 😉 http://www.sueddeutsche.de/sport/weltmeisterschaft-und-doping-grosses-indianer-ehrenwort-1.2012093

    eurosport player ist sicher eine gute sache… voriges jahr hatte ich mit meinen kollegen im büro eine nachrichtensperre ausgemacht, hatte die etappe aufgenommen und dann daheim in ruhe angesehen. zeitversetztes mitfiebern 😉 mal sehen, wie ich’s heuer mache…

    • Nee, den Artikel in der Süddeutschen kannte ich noch nicht. Gefällt mir, der Tonfall. Ich habe jetzt aber noch viel weniger Zeit, Zeitung zu lesen. Die Fussball-WM läuft noch, die Tour kommt ab dem 05. dazu, irgendwo muss ich die Zeit ja abknapsen…

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