Andrew und der Affenzirkus

 

Heute am Nachmittag habe ich zwischen diversen Meetings kurz die Radsportseiten im Web überflogen und bemerkt, dass Andrew Talansky heute nicht mehr zur 12. Etappe von Bourg-en-Bresse nach Saint-Étienne angetreten ist. Talansky hatte vor kurzem die Dauphiné gewonnen, was ihn zum Mitfavoriten für den Gesamtsieg der Tour de France gemacht hat. Nach Froome und Contador der nächste Sieganwärter, der die Segel streichen musste.

Aber eigentlich nichts Besonderes im Radsport, die Fahrer stürzen, fahren weiter, oder geben auf. Die Legende der Tour der Leiden wird tagtäglich immer neu strapaziert und weiter geschrieben. Auch die Favoriten erwischt es immer wieder schmerzvoll. Das Ausscheiden des „Pitbulls“, so lautet sein Spitzname, wurde aber von einer fragwürdigen Inszenierung begleitet. Talansky war zum wiederholten Male gestürzt und offensichtlich mehr als nur leichte Verletzungen davon getragen. Er hat sich weiter gequält. Gestern konnte ich ihn abends – ich zeichne die Tour-Übertragung auf Eurosport auf und schau‘ am Abend – mit schmerzverzerrtem Gesicht mit riesigem Rückstand dem Feld hinterherfahren sehen. Irgendwann stieg er vom Rad und gab im Sitzen auf der Leitplanke eine äußerst traurige Gestalt ab. Dann gesellten sich sein sportlicher Leiter sowie das Betreuerteam aus dem Begleitfahrzeug zu ihm, es ergab sich eine minutenlange Konversation und irgendwann stieg der 25jährige Amerikaner wieder auf’s Rad, um mit noch größerem Rückstand auf’s Peloton dem Ziel entgegen zu fahren.
Heute gab‘s natürlich die Lobeshymnen auf diesen auch vom TV perfekt eingefangenen Leidensweg, die Bilder und Texte erzählen Heldengeschichten der Schmerzresistenz. Ich sehe dieses traurige Theater allerdings alles andere als positiv, auch wenn ich nicht weiß, wie’s wirklich war, was wirklich Inhalt der Konversation (oder Diskussion?) zwischen dem traurigen Clown Talansky und seinem Zirkusdirektor war. Ja, ein Clown soll unterhalten, egal wie’s im geht, auch Radsportler sind irgendwie Entertainer und Teil dieser Zirkusgesellschaft. Wenn dann ein zerschundener und weinender Radsportler den Kampf hinter dem Feld gegen das Zeitlimit und den Besenwagen führt, ist das natürlich ein tolles Thema, es gibt auch viel Zeit im Fernsehen für die Sponsoren, denn ein Kameramotorrad wurde für Andrew abgestellt. Und der Heldenmythos der Tour der Leiden wird auch gepflegt. Wird schon wohl der Grund für diese bedauerliche Inszenierung gewesen sein.
Man kann schon die Heldenlieder singen und sich freuen, wenn neue Strophen dazu kommen. Auch kann sich der Sponsor darüber freuen. Aber einen Fahrer, der ganz klar kaputt ist, starke Schmerzen hat und schon aufgeben will, wieder auf’s Rad zu setzen ist für mich unverantwortlich. Talansky hat nicht umsonst den Spitznamen Pitbull, sein Körper und sein Willen halten schon etwas aus und die Leistung im Kampf gegen den Schmerz, sein Durchhaltevermögen, sein Wille und so weiter verdienen – allerdings isoliert betrachtet – auch Respekt. Die Sportliche Leitung des Teams Garmin-Sharp sollte aber seine Athleten aber gut genug kennen und ihre Verantwortung dem Menschen gegenüber wahrnehmen und ihn womöglich vor sich selbst, aber auf jeden Fall vor unnötigem Heldenepos oder kommerzieller Ausschlachtung dieser Art schützen. So ist das kein Clownzirkus mit mal fröhlichen, mal traurigen Gestalten, sondern ein Affenzirkus.

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