Christoph ist verschwunden

Ein Versuch, einer Idee, die ich zuerst hier (http://sabinewirsching.com/2014/12/05/christoph-ist-verschwunden/), dann auch hier (http://margaauwald.wordpress.com/2014/12/04/zweckdienliche-hinweise-erbeten/) und hier (http://juttareichelt.com/2014/12/03/chistoph-ist-verschwunden-literarische-hinweise-dringend-erbeten/) gefunden habe, zu folgen. Mal sehen.
Vor ein paar Wochen gab’s „in der Bucht“ mal wieder zwei Cyclocross-Rennen. Wie jeden Herbst schaffte es meine Trainingsdisziplin nicht, mich in eine halbwegs akzeptable Form für die 60minütigen Ritte durch Wiese und Gatsch auf den Rampen und Dämmen „in der Bucht“ bringen. Nach den ersten beiden Renntagen inklusive Sturz, blutigem Knie und leichten Prellungen wurde meine Form naturgemäß auch nicht besser.

Daher galt es, dieses Wochenende eben dort, „in der Bucht“ den gut sichtbaren Spuren der beiden vergangenen Rennen im Gelände zu folgen, um zumindest die Fahrtechnik zu verbessern, wenn sich schon die Beine unförmig zeigten. Schön und grau legte sich der Nebel über Wien, den nahen Donauturm sah man fast nicht, ebenso wenig wie die Skyline um den neuen DC-Tower, den ich manchmal schön und ein anders Mal wiederum hässlich finde. Obwohl die A22 fast direkt an „der Bucht“ vorbeiführt, war’s gestern wieder eine wunderschön ruhige Herbstszenerie. Der Nebel lässt mich auch aus der Geräuschwelt der Stadt ein wenig in stillere Bereiche abtauchen, in denen ich nicht allzu viel wahrnehme, außer das Feedback des Untergrundes, die Geräusche meines Rades und mich selbst. Ich genoss es, während der leichte Herbstwind frische Luft in meine Gedankenwelt blies.
Während ich mich wunderte, warum sich jedes Mal, nachdem ich auf einer Schräg- oder Abfahrt die frische Grasnarbe wieder aufgerissen hatte, ebendort so 20 Nebelkrähen niederließen (gab’s da was zu essen?), bemerkte ich, dass die obligatorische Gesellschaft von ein paar Spaziergängern, denen ich nur Beachtung schenkte, wenn sie einen Hund, der meine Fahrlinie kreuzen könnte, dabei hatten, durch einen weiteren Cyclocrosser ergänzt wurde. Ich kannte ihn trotz der überschaubaren Größe der Cyclocross-Szene nicht. Man kam aber schnell ins Gespräch, er stellte sich als Christoph vor. Einfach zu merken, weil ich ja auch diesen Vornamen trage. Irgendwie empfand ich ihn aber nicht ganz so präsent, es schien in meiner mit Nebelschleiern verhangenen Wahrnehmung so, als wäre er eigentlich gar nicht tatsächlich hier. Schemenhaft, durch und durch. Aber da er nun doch irgendwie da war, fuhr ich ihm nach. Christoph spurte mit dem exakt gleichen Tempo, das ich für meine Fahrt ausgewählt hätte, durch das Gelände. Er hatte auch so ziemlich das gleiche Material unterm Hintern. Bei aller Synchronität bemerkte ich jedoch, dass er genau die Passagen, bei denen ich in den Rennen an den Wochenenden zuvor Probleme hatte, mit weit weniger Schwierigkeiten als ich fuhr. Wenn man manche Passagen nicht gut fahren kann, heißt’s im Cyclocross: „Runter vom Rad, evtl. Schultern und dann Laufen“. Christoph kam zwar auch nicht perfekt durch die 180-Grad-Kurve, die noch dazu schräg-bergauf lag, rutschig war und gefährlich nah an große Steine führte, aber er fuhr die Passage meist ohne auch nur aus dem Pedal zu klicken. Im Rennen war das für mich eine Passage mit dem beschriebenen crosstypischen Handlungen: Runter. Laufen. Zwar bin ich gut getimt immer vorher runter vom Rad und schnellen Schrittes durch, aber es war langsamer und kostete viel mehr Kraft.
Natürlich ergab sich meinerseits die Frage an Christoph nach technischen Tipps – gepaart mit hoher Erwartungshaltung. „Einfach konzentrieren. Trau Dir mehr zu. Fahr einfach locker drüber! Mehr ist da nicht“, meinte er. „Aber etwas Können und Talent braucht’s doch auch“, lautete meine Entgegnung. „Geh, red‘ Dir das nicht ein. Das ist Hobby-Sport, kein Profi-Sport, da geht’s zu allererst um den Spaß!“ Still in mir dachte ich, dass er sich das auch zu einfach macht. Christoph sagte dann bald, während er immer mehr und mehr abwesend wirkte: „Anyway – mir nun schön langsam kalt, ich fahr‘ heim. Morgen selbe Zeit hier?“ Und dann verschwand er im Nebel, meine Annahme seines Angebots quittierte er mit einem Nicken und einem verschwindenden Lächeln.
Am Heimweg, beim Auftauchen aus meinem Ausflug in den Nebel, dachte ich doch etwas länger über seine Worte nach. Vielleicht machte ich es mir ja einfach zu schwer? Wohl ja. Konzentrieren. Locker drüberfahren. Sich etwas trauen. Es war zwar nur Cyclocross, aber… Potenzial für diese Worte gibt’s auch außerhalb des Sports. Vor allem dort.
Heute, zur vereinbarten Zeit „in der Bucht“, wollte ich ihn nochmals darauf ansprechen und ihn wissen lassen, dass seine vermeintlich so einfach dahingesagten Worte doch etwas länger in mir gearbeitet hatten. Aber er war nicht da. War er gestern einfach so mit einem Lächeln auf den Lippen in den Nebel verschwunden? War er am Vortag überhaupt wirklich da gewesen?
Ich genoss das Fahrerlebnis. Das Surren der Kette. Das leichte Aufschlagen dieser auf die Kettenstrebe bei holprigen Bergabfahrten. Das Abrollgeräusch der Reifen am Untergrund. Das physische Erlebnis. Ich beobachtete wieder die Nebelkrähen. Und ich fuhr locker, mutig, konzentriert und problemlos über die schwierigen Stellen. Ein schönes Gefühl, wenn man plötzlich etwas schafft, was man sich vorher nicht zutraute.
Der Nebel lichtete sich etwas. Ich verstand dann auch sehr schnell, dass dieser Christoph auch gestern in sehr wahrscheinlich gar nicht da war. Gestern, wie heute, war ich wohl der einzige Cyclocrosser „in der Bucht“.
Manchmal stehe ich mir halt selbst im Weg und manchmal gibt es auf Ausfahrten im Nebel Lösungen dazu zu finden. Alleine.

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7 Kommentare
  1. Neulich bin ich bei einem Night Ride mitgefahren. Da waren zwei Passsagen dabei, die ich, wäre ich alleine unterwegs gewesen, gelaufen wäre. Weil die vor mir runterfuhren und ich mir keine Blöße geben wollte, dachte ich mir, Augen auf und durch. Ging. Scheinbar wirklich eine Kopfsache.

    Was aber irgendwie nie geht: Nasse Holzbrücken. Das schmeißt es mich immer wieder hin… 😉

    • jepp, holz, auch in wurzelform ist in nassem zustand furchtbar. hatte das mal mit geschultertem rad holztreppen runter 😉

  2. Wieder so ein Ort, an dem ich Christoph nie vermutet hätte – denn ein Christoph war ja offenbar auf jeden Fall da. Hab ich mit großem „was für eine fremde Welt“-Interesse gelesen!

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