Das stille Rennen

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Es ist fast ein kleines Wunder, was die Veranstalter da geschafft haben: Eine komplette Straßensperre für die 47,4 km rund um den Attersee in Oberösterreich. So konnte am 26.9. ein wunderbares Zeitfahren auf – nochmals! – komplett für den übrigen Verkehr gesperrten Straßen stattfinden.

Sobald ich irgendwann während des Jahres diese frohe Botschaft vernommen hatte, war für mich klar, dass ich teilnehmen werde – solche Gelegenheiten bekommt man als Hobbyradfahrer nicht oft. Und plötzlich fand ich mich dann am 26.9. auf der Startrampe zum „King of the Lake“ (das taten auch über 500 weitere Radlerinnen und Radler, es gab Wertungen für 4er-Teams, Rennräder und Zeitfahrräder – Details unter www.atterbiker.at oder https://www.facebook.com/asvoekingofthelake?fref=ts).

Für Zeitfahren gibt’s angeblich 3 Grundregeln: Langsam anfangen, langsam anfangen und langsam anfangen. Hatte ich mir natürlich vorgenommen und in der Euphorie komplett vergessen, denn die leichte Brise von hinten und die ersten abschüssigen Meter der Strecke ließen mich in einen Geschwindigkeitsrausch jenseits der 50 km/h verfallen. Im letzten Drittel des Rennens musste ich dafür dann etwas bezahlen, weil der Tank dadurch etwas zu früh leer war. Leider kam ich auch von Anfang an in keinen guten Rhythmus, was am Streckenprofil lag: So richtig flach war’s nicht – es ging irgendwie dauernd leicht bergauf und bergab, womit ich nicht zurechtkam. Aber komplett egal: Die 47,4 km rund um den Attersee waren die besten Rennkilometern, die ich jemals fahren durfte. Ohne Straßenverkehr zu fahren ist einfach wunderbar und etwas ganz Besonderes!

Während ich so dahinfuhr, bemerkte ich diese spezielle Atmosphäre des „fehlenden“ Straßenverkehrs. Kein Stress, keine gefährlichen Situationen, einfach nur man selbst, das eigene Rad und der Kampf (inkl. Schmerzen), den so ein langes Zeitfahren mit sich bringt. Und eben diese Atmosphäre war ganz besonders. Ich bin es nicht gewohnt, unter vollständig ruhigen Bedingungen zu fahren. Das Atmen, respektive das Keuchen, war plötzlich so stark im Vordergrund. Zusätzlich die Geräusche meines Rades, ein gewisses Grundrauschen einerseits gepaart mit dem spezifischen Geräusch des Scheibenrads.

Und trotzdem war es das stillste Rennen, das ich jemals gefahren bin. Die Welt heutzutage empfinde ich als relativ geräuschintensiv, sodass man meistens Geräusche – oder sogar Lärm – wahrnimmt oder wahrnehmen muss, die auch nicht von einem selbst stammen. Und nun: Fast absolute Stille beim Fahren, keine akustischen Einflüsse von außen, nur eigeninduzierte Geräusche. Irgendwie wurde das Ganze dann fast meditativ, ich tauchte immer mehr in die Stille ein. Ich fühlte mich wie in einer Blase, die mich von der Außenwelt abschottete und in der ich nur mich selbst und mein Rad hörte – was ich aber als ganz spezielle Art von Stille empfand. Stille in dem Sinne, dass „von außen“ fast nichts zu hören war. Natürlich gab’s Wertungsrichter, die mich mit dem Motorrad überholten. An zwei Stellen der Strecke gab’s „Fanzonen“, bei denen man lautstark angefeuert wurde. Und überholt wurde ich natürlich aufgrund des 30-Sekunden-Intervalls auch, denn meine Geschwindigkeit war eher im unteren Drittel des Starterfelds anzusiedeln. Aber das nahm ich alles fast gar nicht wahr. Ich blieb in meiner Blase und genoss es ungemein. Auch von der Umgebung bekam ich nicht viel mit.

Irgendwann nach dem Rennen saß ich auf einer Bank vor den Duschen des nahen Strandbads. Ich konnte auf den wunderschönen Attersee blicken, der leider aufgrund der tief hängenden Wolken nicht viel von seiner tollen Umgebung preisgab. Im Hintergrund war zwar der Veranstaltungssprecher zu hören, aber selbst das und die eiskalten Duschen hatten mich nicht aus meiner Blase der Ruhe rausgerissen. Es war noch immer still dort. Auch in die nächsten Tage konnte ich noch von diesen Empfindungen zehren.

Radsport auf Straßen ohne Straßenverkehr ist einfach spektakulär still.

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2 Kommentare
  1. Als ich das gestern las, kam ich gerade von einer Runde zurück, die unter anderem 45 km komplett ohne Autoverkehr an Seen entlang führte… Wir haben das hier vor der Haustür als Normalzustand. Ehemaliger Braunkohletagebau wurde geflutet, dadurch entstanden große Seen. Drumherum führen jetzt 5 Meter breite Asphaltbänder, für Radfahrer, Skater usw. In Kürze kommt wird ein weitere solcher See angebunden, dann kann ich etwa 70 km fernab jeder Straße fahren.

    Abgesehen davon: Über 40 km Einzelzeitfahren sind nicht gerade wenig. Respekt!

    • danke 🙂 klingt nach einem super revier, das du da vor der haustüre hast 🙂 glücklicherweise geht’s mir diesbezüglich auch nicht allzu schlecht. in wien z.B. die donauinsel, wo zwar oft viel los ist (skater, läufer, fußgänger, rennradler und andere radler,…) dort gibt’s auch schöne strecken zum crossen. und „daheim“ im burgenland gibt’s viele nebenstraßen, wo’s auch ok ist hinsichtlich straßenverkehr. und die bucklige welt, über die letztens sogar in der tour berichtet wurde, befahr ich von „daheim“ (mittleres burgenland) öfters.

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