Überwindung: Bahnradfahren

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Der Winter (v.a. der Februar) der Veränderungen ging auch an meinem wichtigsten Hobby nicht spurlos vorüber. Das Radfahren schien in einen Winterschlaf abzugleiten, die Motivation war nahezu erfroren. Das musste sich ändern. Es gab ja eine neue Spielart des Rennradfahrens, die ich noch nicht ausprobiert hatte, weil ich mich schlicht und einfach nicht getraut hatte: Bahnradfahren!

Ich weiß nicht genau, was da plötzlich in mir passiert ist. Jahrelang hatte ich mir selbst Ausreden gesucht, denn der Eine oder Andere aus meinem Umfeld hatte doch versucht, mein Herz für’s Bahnfahren zu erwärmen. Ich wollte nicht, weil ich mich – wie schon erwähnt – nicht traute, die Holzbahn mit den steilen Kurven und das noch mit einem Rad ohne Bremsen unter die Reifen zu nehmen. Aber irgendwann war dann der Punkt da: Lizenzformular abgesendet und tags darauf ins Radgeschäft, um ein Gefährt zu checken. Es konnte losgehen.

An einem Mittwoch Anfang Februar war es dann so weit. Ich hatte mir frei genommen, um am Vormittag an einem Schnuppertraining auf der Bahn im Wiener Dusika-Stadion teilzunehmen. Das Bahnrad hatte ich mir ja schon vorher gekauft, ohne zu wissen, ob mir das Kreiseln im Holzoval überhaupt gefällt und ob ich meine Angst überwinden kann. Somit gab es keinen Weg zurück. Durch eine Art Hintereingang ging’s ins Innere des Radstadions. Umziehen und dann über Treppen unter der Bahn durch und im Inneren des Ovals die furchteinflößenden Steilkurven mit mehr als 45 Grad Neigung bestaunen. Die Nervosität stieg im Anblick dieser „Mauern“.

Nach einer kleinen Einführung gab’s die ersten Meter auf dem neuen Rad ohne Gangschaltung, Freilauf und Bremsen unterhalb der Côte d’Azur, dort wo’s noch flach ist, zur Eingewöhnung. Ein komisches Gefühl. Dauernd treten. Beine nicht hängen lassen. Dauernd treten. Dauernd treten. Wie bleibt man eigentlich stehen? Irgendwie halt.

Zweiundreißig: So viele Kilometer pro Stunde sollte man fahren, damit man sicher nicht aus den Steilkurven mangels Fliehkraft nach innen abrutscht. Das Herz in die Hand nehmen. Reintreten über die dicke blaue Azurküste hinweg rauf und rein in die Kurve. Zuerst hinter dem Instruktor nach, in seinem Tempo, das mir gefährlich niedrig vorkam, ich hatte Angst, zwischen schwarzer Messlinie und der roten Sprinterlinie die Haftung zu verlieren. Aber die Physik behielt Recht. Und dann bekam die Rookie-Gruppe freie Fahrt…

Viel hilft viel – ich hatte sicher mehr 40 km/h drauf (damit ich ganz sicher nicht abrutsche), als ich meine erste Runde alleine absolvierte. Das Herz schlug mir bis zum Hals, Nervosität und Anstrengung trieben den Pulswert jenseits der 180. Das spektakuläre Gefühl, in einer Steilkurve zu fahren und der Geschwindigkeitsrausch entschädigten aber. Nach doch etlichen Runden gönnte ich meinen schmerzenden Beinen und meinem Pulswerten eine Verschnaufpause. Ausrollen, behutsamer Gegendruck mit den Beinen, dann ganz langsam werden und kurz, bevor man umfällt, aus den Pedalen raus. Geschafft. Etwas verschnaufen und dann wieder rein in die Schräglage. Nach ein paar weiteren Runden war’s klar: Das gefällt mir! Zufrieden, erschöpft aber euphorisiert ging ich dann nach Hause. Ein tolles Erlebnis. Und ein Danke ging auch noch an meinen Schutzengel, der mich in einer brenzligen Situation vor einem Sturz bewahrt hat. Weiß nicht, ob ich weiter gemacht hätte, wenn es mich hingelegt und ich im schlimmsten Fall noch jemanden abgeräumt hätte. Wie immer: So vieles ist so nahe beieinander.

Mittlerweile sind ein paar weitere Besuche im Dusika-Stadion erfolgt. Es gefällt mir nach wie vor gut, auch wenn ich an den Gefühlen zur sportlich-winterlichen Affäre doch noch ein wenig arbeiten muss. Es kann ja ganz schön stressig auf der Bahn werden, wenn viele Leute unterwegs sind. Auf der Landstraße hat das Hirn manchmal Freilauf, man kommt gut zum Nachdenken. Hier aber muss ich mich (und das möchte ich auch) stets konzentrieren, nicht nur technischer Natur gibt’s auf der Bahn keinen Freilauf.

Es war eine Überwindung, auf die Bahn zu gehen. Klar war es eine Motivation, etwas Neues auszuprobieren, einen neuen, noch unbekannten Reiz in meine Radsportleidenschaft zu setzen. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich „es“ mir beweisen musste… Angst überwinden, sich nix antun und einfach… fahren in diesem Fall.

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2 Kommentare
  1. Yeahh! Das gefällt mir frei nach dem Motto „leave your comfort zone“ . Freut mich das dir das neue Abenteuer taugt!
    Toll geschrieben!
    LG Peda

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