Der große Bruder

Letztens, an irgendeinem Sonntag im Juni, veranstaltete der VICC neben dem Hauptrennen (Kriterium im Cyclodrom; Donauinsel) auch ein Rennen für Leute, die mal in solche Veranstaltungen reinschnuppern wollten… Und ich schnupperte nach 8 Jahren wieder einmal, 18 Runden waren zu fahren. 9 Leut‘ waren wir, die 3, die sich recht bald absetzten waren ohnehin stärker als ich, bei den verbleibenden war’s wohl auch so, dass die etwas besser in die Pedale treten konnten als ich. Nun denn, akzeptieren, dass die ersten 3 uns überrunden werden und schauen, dass man nicht abreißt. Letzteres führte dazu, dass ich jede Runde nach der engen abwärts führenden und zusätzlich noch nach außen hängenden (Süd-)Kurve ordentlich antreten musste. Die anderen in der Gruppe konnten das besser fahren, sodass dort immer eine kleine Lücke vor mir aufging. Führungsarbeit übernahm ich keine, denn ich hatte auch Sorge um ein steigendes Tempo, das mich in Schwierigkeiten bringen könnte. Natürlich machte mich das in der Gruppe nicht sonderlich beliebt. Schon gar nicht, als ich am Ende merkte, dass das Tempo nicht raufging und ich noch Reserven hatte. Diese – angezapft  und verpulvert – ergaben Platz 4 für mich hinter den Fahrern, die sich früh abgesetzt hatten. Insgesamt war das für meine Verhältnisse ziemlich gut.

Mein Bruder war früher echter Radrennfahrer. So richtig mit Lizenz und so. Ohne ihn wäre ich wohl nie zum Radsport gekommen. Dafür bin ich sehr dankbar. Er war auch dabei, als ich das erste Mal ohne Stützräder fuhr (ein Highlight im Leben eines Kindes, das noch nicht weiß, dass es mal radsportverrückt wird): Er hatte eben diese Stützräder an meinem kleinen roten Kinderrad abmontiert und hatte mich bei den ersten Fahrten über die leicht abschüssige Wiese daheim im Garten noch gehalten. Bis er es dann auf einmal nicht mehr machte. Ich fuhr plötzlich…

Vom Kindergarten hat er mich auch manchmal abgeholt. Etwas ängstlich aufgrund eines möglichen Absturzes saß ich auf dem ungemütlichen Oberrohr, während er mich heimpilotierte. Aber cool war das doch irgendwie. An eine weitere Rad-Situation kann ich mich erinnern: Kleine Ausfahrt am Neutaler Hotter, er am Damenrad, ich Knirps hinten am Packlträger. Zu schnell und dann kam eine ordentliche Unebenheit, über die wir rüberholperten und die mich unfreiwillig absteigen ließ.

Von seiner radsportlichen Karriere bekam insgesamt aber leider fast nix mit. Das Wenige auch nur zeitversetzt viele Jahre später. Da ging’s um Stürze, einen Kreislaufkollaps, das Rennen am ersten Tag der Sommerzeit und andere abenteuerliche Geschichten. Und natürlich gab’s Pokale, die mich faszinierten. Und irgendwann fing ich dann zum Fußballspielen an. Der Radsport, sowohl aktiv selbst, als auch passiv als Fan, rückte in den Hintergrund. Bis zum Ende meiner Fußballkarriere 2004. Tormann-Dasein adé. Ganz weg war aber die Faszination des Radsports aber in den Fußballjahren nie.

Es fiel dann dadurch die Entscheidung, auf’s Rennrad zu steigen. Ab Herbst 2004 war mein Bruder bei „meiner Radsportkarriere“ dann hautnah dabei. Ich hatte viele Fragen und auch beim Abholen meines ersten Rennrads, das via Ebay gekauft wurde, war er dabei. Es folgten unzählige Telefonate und Gespräche  (wir nennen es Labern), auch heute tauschen wir uns über den Radsport aus (bzw. läuft’s meist so: ich erzähl‘ ihm was, er hört zu), es gab ein gemeinsames Mitfiebern vor der Glotze bei der Heim-WM 2006 in Salzburg, die eine oder andere Tour-Etappe vor der Glotze, Besuche bei der Österreich-Rundfahrt in Wien und ab und an betreute er mich, wenn ich mal bei einem Rennen am Start stand, meist bei Querfeldeinrennen. So auch bei meinem ersten dieser Art in Andlersdorf (NÖ) am 9.11.2008 oder auch am 15.11.2015 in Stadl-Paura (ebenso Querfeldein).

Und auch am vorletzten Sonntag war er dabei, endlich mal bei einem Rennen, wo ich ein für meine Verhältnisse respektables Ergebnis einfuhr – auch er war dieser Meinung. Wenn bei sowas der große Bruder dabei ist, ist das nach wie vor etwas ganz Besonderes, ich habe mich sehr gefreut. Auch wenn ich mit 36 Lenzen doch schon irgendwie erwachsen bin, für mich fühlte sich das so an, als könnte ich stolz sagen: „Schau, großer Bruder, ich kann schon ohne Stützräder fahren!“

 

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